Haben Sie schon einmal für einen Bürgerentscheid unterschrieben?
Vom Erhalt des Hallenbads bis zum Windrad im Gemeindewald: Sechs Menschen über Unterschriftensammlungen auf Marktplätzen, Hürden und gelebte Demokratie.

Von Jans Holger
Herausgeber & Chefredakteur • Begleiterin im Feld: Leica M6 (Black Chrome, 1986)

Ein Klapptisch, zwei Thermoskannen mit Kaffee und ein Stapel laminierter Unterschriftenlisten auf dem Pflaster des samstäglichen Wochenmarkts: So sieht in Deutschland das Fundament der direkten Demokratie aus. Wo der Stadtrat über Köpfe hinweg entscheidet, ein Traditionsbad schließen oder eine alte Lindenallee für einen Parkplatz roden will, greifen Bürgerinnen und Bürger zum schärfsten Instrument der Kommunalverfassung: dem Bürgerbegehren.
Nach den regelmäßigen Berichten des Vereins Mehr Demokratie e.V. wurden in Deutschland seit 1956 über 9.000 Bürgerbegehren initiiert, die Mehrheit davon in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Die Themenpalette spiegelt die Kernfragen des kommunalen Zusammenlebens wider: Schulsanierungen, Schwimmbäder, Verkehrsberuhigung, Gewerbegebiete oder der Bau von Windkraftanlagen auf Gemeindegrund.
Jans Holger hat für rundGefragt sechs Bürgerinnen, Initiatorinnen und Kommunalpolitiker in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Sachsen befragt. Ihre Erfahrungen zeigen: Der Weg vom ersten Infotisch bis zum gültigen Bürgerentscheid an der Wahlurne ist ein zäher Marathon, der den Beteiligten juristisches Durchhaltevermögen und dicke Nerven abverlangt.
Die größte Klippe stellen in vielen Bundesländern die rechtlichen Unzulässigkeitsprüfungen und strenge Zustimmungsquoren dar. Oft verwerfen Gemeindeaufsichten oder Stadtrechtsämter Initiativen wegen kleinster formaler Mängel in der Fragestellung oder der vorgeschriebenen Kostenschätzung. Wer nicht von Beginn an fachjuristischen Rat einholt, scheitert nicht selten an verwaltungsrechtlichen Spitzfindigkeiten.
Hinzu kommt das sogenannte Quorum: Damit ein Bürgerentscheid rechtsverbindlich wie ein Beschluss des Gemeinderats wirkt, muss oft eine Mindestanzahl aller wahlberechtigten Bürger mit Ja stimmen, je nach Bundesland zwischen zehn und fünfundzwanzig Prozent. Liegt die Wahlbeteiligung zu niedrig, verfällt der Bürgerwille, selbst wenn neunzig Prozent der abgegebenen Stimmen die Initiative unterstützten.
Das Bundesländer-Ranking von Mehr Demokratie e.V. offenbart dabei eine gravierende Schieflage. Während Bayern mit bürgerfreundlichen Quoren und kurzen Fristen Spitzenreiter bei der Anzahl von Bürgerentscheiden ist, belegen Länder wie das Saarland oder Hessen traditionell hintere Plätze, weil Unterschriftenhürden von bis zu fünfzehn Prozent der Wahlberechtigten für kleine Bürgerinitiativen kaum zu bewältigen sind.
Auch das Thema der digitalen Unterschriftensammlung bewegt die Gemüter. Während Volksbegehren in vielen europäischen Nachbarländern unkompliziert per Online-Ausweisfunktion unterzeichnet werden können, verlangen die meisten deutschen Gemeindeordnungen nach wie vor handschriftliche Unterschriften auf Papierbögen. Diese anachronistische Pflicht erschwert vor allem die Mobilisierung jüngerer Generationen.
Dennoch betonen auch kritische Kommunalpolitiker den demokratischen Wert des Instruments. Ein Bürgerbegehren zwingt Rathäuser und Parteifraktionen zur transparenten Debatte, verhindert einsame Hinterzimmerentscheidungen und führt dazu, dass Bürgerinnen und Bürger sich wieder intensiv mit der Haushaltslage und Zukunft ihrer Heimatstadt auseinandersetzen.
Die folgenden sechs Stimmen aus Freiburg, Regensburg, Marburg, Bautzen, Münster und Potsdam schildern den Einsatz für mehr Bürgerbeteiligung zwischen demokratischer Euphorie und bürokratischem Frust.
Aussagen aus ganz Deutschland
Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.
„Wir haben drei Monate lang bei Wind und Wetter 14.000 Unterschriften gegen die Abholzung eines alten Stadtparks gesammelt. Beim Bürgerentscheid stimmten 68 Prozent für den Park. Es war der schönste Tag meines Lebens zu sehen, dass engagierte Bürger die Macht haben, ihre Stadt zu schützen.“
„Bürgerentscheide sind ein wichtiges Korrektiv, aber sie bergen die Gefahr des Sankt-Florians-Prinzips: Alle wollen erneuerbare Energien und Neubauwohnungen, aber niemand will die Windräder oder den Sozialbau vor der eigenen Haustür. Die Gesamtverantwortung bleibt am Stadtrat hängen.“
„Unser Bürgerbegehren zum Erhalt des Dorfgemeinschaftshauses scheiterte am Quorum. Es fehlten 87 Stimmen, obwohl 85 Prozent dafür waren. Diese hohen Hürden demotivieren die Menschen, sich überhaupt noch ehrenamtlich in der Politik einzubringen.“
„Wir haben einen Bürgerentscheid für einen durchgehenden Radschnellweg organisiert. Zum ersten Mal saßen Jugendliche, Rentner und Geschäftsleute an einem Tisch und stritten konstruktiv über Verkehrsraum. Direkte Demokratie belebt die politische Bildung enorm.“
„Die formale Hürde bei der Kostendeckung ist die größte Falle. Wenn die Initiatoren die Kosten eines Vorhabens nur um zehn Prozent falsch schätzen, erklärt die Verwaltung das Begehren für unzulässig. Viele Verwaltungen nutzen das gezielt, um Bürgerinitiativen auszuhebeln.“
„Beim Bürgerentscheid über das neue Freibad habe ich zum ersten Mal in meinem Leben für etwas gestimmt, das nicht von Parteien vorgekaut war. Man geht mit einem ganz anderen Stolz zur Wahlurne, wenn es um das eigene Viertel geht.“

Jans Holger
Geboren 1968 in Frankfurt am Main, aufgewachsen im Taunus. Studium der Philosophie und Soziologie in Marburg und Frankfurt (Adorno-Schule). Ueber fuenfundzwanzig Jahre journalistische Praxis als freier Feuilletonist und Gesellschaftsreporter fuer fuehrende deutsche Regional- und Kulturzeitungen. Gruendete 2026 rundGefragt, um dem medialen Erregungsbetrieb ein ruhiges, unbestechliches Zuhoeren entgegenzusetzen.
Visuelles Porträt: Analoge Messsucherkamera mit 35mm Summicron-M f/2 Objektiv und getragenem Ledergurt. Die Kamera gehoerte seinem Vater und begleitet Jans seit vier Jahrzehnten bei Reportagen auf Bahnhoefen, Marktplaetzen und an Kuechentischen.


