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GesellschaftDie Rundfrage15. September 2026•10 Min. Lesezeit

Wann fühlen Sie sich einsam?

Zwischen Sonntagabend, Großraumbüro und leerer Wohnung: Sieben Bürgerinnen und Bürger über ein Gefühl, über das in Deutschland noch immer geschwiegen wird.

Contax G2 (Titan-Finish)

Von Stefan Neubert

Redakteur Kultur & Gesellschaft • Begleiterin im Feld: Contax G2 (Titan-Finish)

Wann fühlen Sie sich einsam?
Eine Parkbank im herbstlichen Berliner Tiergarten am späten Nachmittag: Für viele Menschen der einzige Ort für kurze Begegnungen im Alltag.Foto: Stefan Neubert / rundGefragt
Recherche-Datenpunkte im Überblick
Jeder VierteBetroffene Bundesbürger
18 bis 29 JahreBesonders betroffen
+26 % MortalitätGesundheitsrisiko
62 % beklagen MangelMangel an Begegnungsorten

Das Geräusch des Schlüssels, der sich sonntagabends im Schloss dreht, kennen Millionen Menschen in Deutschland. Wenn nach einem langen Wochenende die Wohnungstür zufällt und die Stille der Räume einen empfängt, wird Einsamkeit spürbar. Es ist eine dumpfe, körperliche Erfahrung, die lange Zeit tabuisiert wurde, weil sie in einer auf Leistung und Vernetzung getrimmten Gesellschaft wie persönliches Versagen wirkt.

Die Zahlen des aktuellen Einsamkeitsbarometers des Bundesfamilienministeriums belegen jedoch das Gegenteil: Einsamkeit ist zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen herangewachsen. Mehr als jeder vierte Erwachsene in Deutschland fühlt sich zumindest zeitweise stark isoliert. Überraschend dabei ist die Altersverteilung: Längst sind es nicht mehr vorrangig hochbetagte Menschen in Heimen, die unter mangelnden Kontakten leiden, sondern in wachsendem Maße junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren sowie Alleinerziehende in den Ballungsräumen.

Stefan Neubert hat für rundGefragt sieben Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen getroffen. Von der Auszubildenden in Hamburg über den geschiedenen Handwerker im Ruhrgebiet bis zur Rentnerin im thüringischen Saale-Orla-Kreis berichten sie ohne Beschönigung über ihren Alltag. Was die Gespräche eint, ist die Kluft zwischen äußerer Betriebsamkeit und innerer Abgeschlagenheit.

In den Metropolen entsteht Einsamkeit oft mitten im Getümmel. Wer morgens in einer überfüllten U-Bahn steht und tagsüber im Großraumbüro Hunderte E-Mails austauscht, kann sich am Abend dennoch vollkommen ungesehen fühlen. Digitale Kommunikationskanäle und soziale Netzwerke suggerieren ständige Nähe, ersetzen aber keinen physischen Blickkontakt, kein beiläufiges Schulterklopfen und keine echte Resonanz im Raum.

Besonders schmerzhaft wird das Alleinsein in Phasen des Umbruchs: nach dem Ende einer langjährigen Partnerschaft, beim Auszug der Kinder, nach dem Eintritt in den Ruhestand oder infolge eines berufsbedingten Wohnortwechsels. Vertraute Alltagsroutinen brechen weg, und das Knüpfen neuer, tragfähiger Freundschaften fällt vielen Erwachsenen schwer, weil offene Begegnungsräume im öffentlichen Raum rar geworden sind.

Hinzu kommt eine subtile soziale Scham. Wer zugibt, einsam zu sein, fürchtet das Stigma der Unnahbarkeit oder emotionalen Bedürftigkeit. Diese Scham führt dazu, dass sich Betroffene noch weiter zurückziehen, Einladungen meiden und Ausreden erfinden, warum sie am Wochenende wieder allein zu Hause geblieben sind. Psychologen sprechen von einer Spirale des sozialen Rückzugs, die mit der Zeit chronisch werden kann.

Auf dem Land wiederum nimmt Einsamkeit oft eine ganz andere Gestalt an. Wenn der Dorfgasthof schließt, die letzte Bäckerei aufgibt und der Bus nur noch zweimal am Tag fährt, verödet das soziale Gewebe. Wer im Alter nicht mehr selbst Auto fahren kann, verliert oft innerhalb weniger Monate den Anschluss an das Dorfleben. Nachbarschaftshilfe existiert zwar auf dem Papier, setzt aber aktives Nachfragen voraus, das vielen älteren Menschen schwerfällt.

Dennoch zeigen die Protokolle auch ermutigende Auswege. Manche Befragte finden Halt im Ehrenamt, in Lesekreisen oder bei der freiwilligen Feuerwehr. Andere entdecken das Konzept des Dritten Ortes für sich: Stadtteilbibliotheken, Repair-Cafés oder Gemeinschaftsgärten, in denen man verweilen darf, ohne konsumieren zu müssen. Schon kurze, unverbindliche Gespräche mit dem Kioskbesitzer oder der Marktfrau können den Tag verändern.

Die gesellschaftliche Relevanz des Themas ist enorm. Chronische Einsamkeit schwächt das Immunsystem, erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und begünstigt Depressionen. Fachleute fordern deshalb, Einsamkeit endlich als prioritäres Thema der öffentlichen Daseinsvorsorge zu begreifen, vergleichbar mit Sportförderung oder Verkehrsinfrastruktur.

Die folgenden sieben Protokolle öffnen ein Fenster in eine Wirklichkeit, die meist hinter geschlossenen Jalousien stattfindet. Sie sind kein Plädoyer für Mitleid, sondern eine Einladung, dem Gegenüber wieder genauer zuzuhören und die eigene Nachbarschaft mit aufmerksamem Blick wahrzunehmen.

Bürgerstimmen & Protokolle

Aussagen aus ganz Deutschland

Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.

„Ich arbeite vier Tage im Homeoffice. Es gibt Tage, da ist die Kassiererin im Supermarkt der einzige Mensch, mit dem ich ein Wort wechsle. Wenn am Freitagabend alle in den Feierabend verschwinden und auf Instagram die Storys starten, sitze ich mit meiner Pasta da und frage mich, wann ich den Anschluss verloren habe.“
Klara Mertens(26 Jahre)•Grafikdesignerin•Leipzig
Zog vor zwei Jahren für ihren ersten Job nach Leipzig.
„Seit meine Frau vor drei Jahren gestorben ist, ist das Haus zu groß. Das Schlimmste ist die Stille beim Frühstück. Früher lief das Radio und wir haben über die Zeitung gestritten. Heute drehe ich das Radio lauter, damit überhaupt eine Stimme im Raum ist. Ich gehe jeden Tag dieselbe Runde durch den Stadtpark.“
Eberhard Kube(79 Jahre)•Ehemaliger Werkzeugmacher•Magdeburg
Lebt allein in einem Reihenhaus am Stadtrand.
„Einsamkeit bedeutet für mich nicht, keine Menschen um mich zu haben. Ich bin den ganzen Tag von Kollegen und meinen zwei Kindern umgeben. Aber wenn die Kinder im Bett liegen, gibt es niemanden, der fragt: Wie war dein Tag heute? Man funktioniert für alle, aber man ist für niemanden die Nummer eins.“
Meryem Yilmaz(41 Jahre)•Sachbearbeiterin und Alleinerziehende•Dortmund
Erzieht zwei schulpflichtige Kinder allein.
„Nach einer schmerzhaften Trennung fiel ich in ein tiefes Loch. Alle Freunde waren verheiratet oder bekamen Kinder, meine Wochenenden waren plötzlich leer. Geholfen hat mir am Ende ein Kletterverein. Man muss gemeinsam anpacken, da redet man nicht über Smalltalk, sondern muss einander vertrauen.“
Bastian Vogel(33 Jahre)•Gymnasiallehrer•Freiburg
Fand nach zwei Jahren Isolation neuen Anschluss.
„Im Dorf stirbt einer nach dem anderen weg. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich die leeren Nachbarhäuser. Meine Enkel wohnen in München, die rufen sonntags an, aber die Woche hat eben sieben Tage. Der Bäckerwagen am Mittwoch ist mein Höhepunkt.“
Inge Schirmer(84 Jahre)•Frühere Näherin•Pößneck
Lebt in einer thüringischen Kleinstadt ohne eigenes Auto.
„In der Berufsschule redet man über Zocken und Noten, aber richtige Freunde habe ich hier nicht gefunden. Wenn ich mich einsam fühle, gehe ich abends in die Bibliothek oder fahre mit dem Deutschlandticket ziellos Straßenbahn. Einfach um zu sehen, dass sich draußen noch etwas bewegt.“
Lukas Bausch(22 Jahre)•Auszubildender Fachinformatiker•Hannover
Zog für die Ausbildung aus einem bayerischen Dorf nach Niedersachsen.
„Als mein Mann und ich gleichzeitig in Rente gingen, dachten wir, jetzt kommt die große Reisezeit. Dann wurde er schwer dement und verstarb kurz darauf. Die ersten Monate war ich gelähmt. Heute leite ich einen ehrenamtlichen Vorlesekreis für Kinder in der Grundschule. Das hat mein Leben gerettet.“
Christa von Berg(68 Jahre)•Ruheständlerin•Rostock
Engagiert sich seit drei Jahren in einer Bürgerstiftung.
Über die Autorin / den Autor
Contax G2 (Titan-Finish)

Stefan Neubert

Redakteur Kultur & Gesellschaft • Begleiterin im Feld: Contax G2 (Titan-Finish)

Geboren 1989 in Leipzig. Studium des Kulturjournalismus in Leipzig und Hamburg. Bereist seit zehn Jahren systematisch Klein- und Mittelstaedte in Ost- und Westdeutschland. Beobachtet Vereinsstrukturen, Jugendclubs, laendliche Identitaetsfragen, Nachbarschaften und die stillen Veraenderungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Visuelles Porträt: Champagner-farbene Messsucherkamera aus Titan mit Carl Zeiss Planar 45mm f/2 Objektiv. Schneller, rasiermesserscharfer Klassiker fuer spontane Strassengespraeche und fluechtige Alltagsmomente im natuerlichen Umgebungslicht.

Hinweis zur journalistischen Unabhängigkeit: Dieser redaktionelle Beitrag dient rein allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und stellt keine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung bzw. Empfehlung dar. Es besteht keinerlei Verbindung zu den porträtierten Personen oder Einrichtungen.
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