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PflegeDie Rundfrage11. September 2026•11 Min. Lesezeit

Wer kümmert sich in Ihrer Familie um die Pflege?

Vier von fünf Pflegebedürftigen werden daheim betreut: Acht Angehörige über Dienstpläne am Küchentisch, Erschöpfung und unerwartete Nähe.

Rolleiflex 2.8F (1965)

Von Claudia Weimann

Leitende Redakteurin Pflege & Soziales • Begleiterin im Feld: Rolleiflex 2.8F (1965)

Wer kümmert sich in Ihrer Familie um die Pflege?
Küche einer Familie in Kassel: Medikamentendosierer und handschriftlicher Pflegekalender regeln den Tagesablauf der Hauptpflegeperson.Foto: Claudia Weimann / rundGefragt
Recherche-Datenpunkte im Überblick
85 %Häuslich versorgt
4,9 Mio.Pflegende Angehörige
3,1 Mio.Ohne ambulanten Dienst
Ø 34 Std.Aufwand pro Woche

Der Tag beginnt in deutschen Pflegehaushalten selten mit einem Wecker, sondern meist mit Schritten auf knarrenden Dielen. In mehr als vier Millionen Wohnungen entscheidet sich jeden Morgen, ob der ambulante Pflegedienst pünktlich eintrifft, ob die Insulindosis stimmt und wer den nächsten Arzttermin im Berufsalltag unterbringt. Die Bundesrepublik stützt sich auf ein unsichtbares Fundament aus Töchtern, Söhnen, Ehepartnern und Nachbarn, die Tag für Tag Aufgaben übernehmen, für die dem professionellen Gesundheitssystem schlicht das Personal fehlt.

Nach Erhebungen im Themenbereich Pflege beim Statistischen Bundesamt (Destatis) werden über 85 Prozent aller Pflegebedürftigen in den eigenen vier Wänden versorgt, der Großteil davon allein durch nahe Angehörige. Hinter dieser Ziffer verbergen sich private Schichtpläne, zurückgestellte Karrieren und finanzielle Rechnungen am Küchentisch. Rund 3,1 Millionen Bürgerinnen und Bürger bewältigen die tägliche Fürsorge vollkommen ohne professionelle ambulante Dienste, oft über viele Jahre hinweg.

Seit der Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung im Jahr 1995 unter dem damaligen Arbeitsminister Norbert Blüm galt das sozialpolitische Leitprinzip Ambulant vor stationär. Was damals als Stärkung der familiären Autonomie gefeiert wurde, hat sich angesichts der rasanten Alterung der geburtenstarken Jahrgänge zu einer extremen Dauerbelastung für die Familien ausgewachsen. Während die Sachkosten für Pflegeartikel und medizinisches Verbrauchsmaterial durch die Inflation sprunghaft gestiegen sind, hinkt die regelmäßige Anpassung des Pflegegeldes der realen Preisentwicklung seit Jahren hinterher.

Die Belastungsgrenzen verlaufen quer durch alle Lebensbereiche. Wer die Pflege eines Elternteils oder des Partners übernimmt, opfert im Schnitt 34 Wochenstunden für körperliche Unterstützung, behördliche Korrespondenz und emotionale Begleitung. Das entspricht einem vollwertigen Zweitberuf, der unbezahlt neben der eigentlichen Erwerbsarbeit geleistet werden muss. Häufig sind es Frauen zwischen 45 und 65 Jahren, die ihre wöchentliche Arbeitszeit reduzieren, Rentenpunkte einbüßen und später selbst von Altersarmut bedroht sind.

Claudia Weimann hat für rundGefragt acht Angehörige zwischen Nordfriesland und Sachsen befragt. Sie wollte wissen: Wer trägt bei Ihnen die Hauptlast, welche Absprachen gibt es in der Verwandtschaft, und an welchem Punkt gerät das System an seine Grenzen? Die Gespräche fanden in Küchen, Hausfluren und an Gartentischen statt, während nebenan Teewasser kochte oder die nächste Insulinspritze vorbereitet wurde.

Die Antworten zeichnen ein Bild großer persönlicher Loyalität, aber auch tiefer struktureller Erschöpfung. Fast alle Befragten berichten von einem schleichenden Übergang: Aus einem wöchentlichen Einkauf wird tägliches Kochen, aus gelegentlicher Hilfe beim Treppensteigen eine permanente 24-Stunden-Bereitschaft. Viele Geschwisterbeziehungen geraten unter Druck, weil oft ein einziges Familienmitglied die physische Betreuung schultert, während andere aus der Ferne Ratschläge erteilen oder sich mit Geldüberweisungen begnügen.

Ein wiederkehrendes Thema ist die zermürbende Bürokratie. Wer Pflegegeld, Hilfsmittel oder Umbaumaßnahmen beantragt, sieht sich mit Formularen konfrontiert, die selbst für juristisch vorgebildete Laien schwer verständlich sind. Viele Angehörige empfinden die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst als Prüfungssituation, bei der man die Hilflosigkeit der eigenen Eltern schonungslos dokumentieren muss, um den notwendigen Pflegegrad zu erhalten.

Hinzu kommt das oft unregulierte Feld der sogenannten 24-Stunden-Betreuungskräfte aus Mittel- und Osteuropa. Hunderttausende Familien finanzieren Haushaltshilfen aus Polen, Rumänien oder der Slowakei über Agenturen, um eine Rund-um-die-Uhr-Aufsicht im Haus zu gewährleisten. Dieses System federt zwar den akuten Heimeinzug ab, bewegt sich arbeitsrechtlich jedoch in einer dauerhaften Grauzone zwischen Entsendegesetz, Mindestlohn und Bereitschaftszeiten, die Familien zusätzlich verunsichert.

Besonders dramatisch stellt sich die Lage bei der Kurzzeit- und Verhinderungspflege dar. Wenn die pflegende Hauptperson selbst erkrankt oder dringend eine Pause benötigt, sind geeignete Plätze in Heimen oft auf Monate hinaus ausgebucht. Das theoretisch bereitstehende Budget verfällt in vielen Fällen ungenutzt, weil es vor Ort schlicht an freien Betten und Fachkräften mangelt.

Hinzu kommt das Problem der Tagespflege im ländlichen Raum. Während in Großstädten zumindest vereinzelt Tagesstätten existieren, müssen Senioren auf dem Land oft stundenlange Fahrdienste in Kauf nehmen. Für Demenzkranke, die auf vertraute Reize angewiesen sind, bedeuten solche Transporte oft zusätzlichen Stress, weshalb Angehörige am Ende doch wieder auf eigene Faust einspringen.

Auch das Thema Einsamkeit schleicht sich unbemerkt in den Alltag. Freundeskreise dünnen aus, Vereinsaktivitäten werden eingestellt, spontane Verabredungen sind unmöglich. Wer rund um die Uhr erreichbar sein muss, lebt in einer ständigen inneren Anspannung, die Psychologen als chronischen Stressor einstufen. Schlafstörungen und psychosomatische Beschwerden sind unter pflegenden Angehörigen weit verbreitet.

Trotz aller Härten berichten die Befragten jedoch auch von tiefen, berührenden Momenten. Das gemeinsame Erinnern an frühere Jahrzehnte, ein dankbarer Blick am Nachmittag oder das Gefühl, einem geliebten Menschen ein würdevolles Altern daheim zu ermöglichen, stiften Sinn. Doch dieser Sinn darf nicht als Ausrede für sozialpolitische Untätigkeit herhalten.

Die acht protokollierten Stimmen aus Kassel, Zwickau, Köln, Husum, Nürnberg, Potsdam, Gießen und Bremen zeigen eindrücklich: Die häusliche Pflege in Deutschland steht auf der Kippe. Ohne spürbare finanzielle Entlastung, einfachere Verfahren und echte lokale Betreuungsnetze droht das private Pflegenetzwerk der Republik in den kommenden Jahren schlicht zu zerreißen.

Bürgerstimmen & Protokolle

Aussagen aus ganz Deutschland

Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.

„Ich habe meine Arbeitszeit auf 28 Stunden verkürzt. Mein Mann und ich haben einen Wandkalender in der Küche, da steht jede Schicht für meine Mutter drin: Medikamente um acht, Pflegedienst um zehn, Mittagessen aufwärmen um eins. Wenn der Pflegedienst wegen Personalmangel anruft, muss ich den Stift fallen lassen.“
Monika Schultheiß(58 Jahre)•Buchhalterin•Kassel
Pflegt seit drei Jahren ihre 84-jährige Mutter mit Pflegegrad 4.
„Mein Vater will in kein Heim, das hat er mir auf dem Sterbebett meiner Mutter abgenommen. Ich fahre jeden zweiten Tag vor der Spätschicht zu ihm raus, koche vor und wasche Wäsche. Freunde fragen mich manchmal, wann ich mal Urlaub mache. Für mich ist das keine Pflicht, sondern Selbstverständlichkeit, aber körperlich geht es an die Knochen.“
Timo Kraushaar(34 Jahre)•Kfz-Mechatroniker•Zwickau
Versorgt seinen Vater nach zwei Schlaganfällen.
„Wir sind vier Geschwister. Wir teilen die Nächte bei unserem Großvater auf. Ohne die WhatsApp-Gruppe unserer Familie würde alles zusammenbrechen. Wir wechseln uns ab, aber man hat immer ein schlechtes Gewissen, wenn man gerade die freie Schicht hat.“
Fatma Bozkurt(42 Jahre)•Erzieherin•Köln
Koordiniert die Betreuung im Mehrgenerationenhaushalt.
„Meine Frau hatte vor vier Jahren eine schwere Hirnblutung. Die ersten Monate dachte ich, ich schaffe das nicht. Heute haben wir unseren eigenen Takt gefunden. Wenn wir morgens zusammen am Fenster sitzen und die Vögel beobachten, weiß ich genau, wofür ich jede Nacht aufstehe.“
Jürgen Rohde(71 Jahre)•Pensionierter Vermessungstechniker•Husum
Versorgt seine Ehefrau rund um die Uhr daheim.
„Das Schlimmste ist der Papierkrieg. Jeder Antrag auf Verhinderungspflege fühlt sich an wie ein Misstrauensvotum. Man pflegt bis zum Umfallen und muss dann um jede einzelne Stunde Rechenschaft ablegen.“
Sabine Wendt(49 Jahre)•Verkäuferin•Nürnberg
Hauptpflegeperson für ihren pflegebedürftigen Schwiegervater.
„Meine Schwester wohnt in München, ich drei Straßen von unseren Eltern entfernt. Natürlich bleibt die praktische Arbeit an mir hängen. Sie schickt Geld, aber die Windeln wechsle ich. Das sorgt für Spannungen, über die man ungern spricht.“
Markus Lindner(40 Jahre)•IT-Administrator•Potsdam
Teilt sich die Verantwortung über 500 Kilometer Distanz.
„Man vereinsamt mit der Aufgabe. Freunde rufen irgendwann nicht mehr an, weil man ohnehin nie Zeit hat. Ein einziger Nachmittag in der Woche, an dem jemand anderes die Tür hütet, wäre Gold wert.“
Hannelore Vogt(66 Jahre)•Rentnerin•Gießen
Betreut ihren an vaskulärer Demenz erkrankten Partner.
„In unserer Kultur ist es unvorstellbar, die Älteren wegzugeben. Aber die Doppelbelastung mit Schichtarbeit frisst die Jugend auf. Wir brauchen mehr muttersprachliche Pflegedienste, die das Vertrauen der Alten gewinnen.“
Aras Demir(28 Jahre)•Logistikfachkraft•Bremen
Unterstützt seine Eltern bei der Pflege der Großmutter.
Über die Autorin / den Autor
Rolleiflex 2.8F (1965)

Claudia Weimann

Leitende Redakteurin Pflege & Soziales • Begleiterin im Feld: Rolleiflex 2.8F (1965)

Geboren 1974 in Darmstadt. Nach dem Abitur zwoelf Jahre als examinierte Krankenschwester in der Akut- und Hauskrankenpflege taetig. Anschliessend Studium der Sozialwissenschaften und Qualifikation zur unabhaengigen Pflegeberaterin im Rhein-Main-Gebiet. Schreibt seit ueber zehn Jahren ueber das Pflegesystem (SGB XI), pflegende Angehoerige und ambulante Versorgungsrealitaeten.

Visuelles Porträt: Zweiaeugige Mittelformatkamera (TLR) mit Carl Zeiss Planar Objektiven. Claudia schaetzt den Lichtschachtsucher: Man haelt die Kamera nicht vor das Gesicht, sondern senkt den Kopf, was bei Gespraechen in Seniorenwohnungen eine ruhige, respektvolle Intimitaet schafft.

Hinweis zur journalistischen Unabhängigkeit: Dieser redaktionelle Beitrag dient rein allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und stellt keine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung bzw. Empfehlung dar. Es besteht keinerlei Verbindung zu den porträtierten Personen oder Einrichtungen.
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