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GesundheitDie Rundfrage03. Oktober 2026•11 Min. Lesezeit

Wie lange haben Sie auf Ihren Facharzttermin gewartet?

Zwischen Notfallüberweisung und neun Monaten Geduld: Neun Patientinnen und Patienten über Anrufbeantworter, Praxisportale und Terminservicestellen.

Von Dr. Martin Völkel

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Wie lange haben Sie auf Ihren Facharzttermin gewartet?
Wartezimmer einer fachärztlichen Gemeinschaftspraxis in Siegen am frühen Morgen: Trotz Terminvergabe füllen sich die Stühle rasch bis auf den letzten Platz.Foto: Dr. Martin Völkel / rundGefragt
Recherche-Datenpunkte im Überblick
Ø 38 Tage (Routine)Wartezeit Facharzt
Bis zu 140 TageSpitzenreiter Hautarzt
Vermittlungsfrist 4 WochenTermine via 116117
Bis 60 km pro StreckeFahrtweg zumutbar

Die automatische Ansage ertönt pünktlich nach dem dritten Freizeichen: Sie rufen außerhalb unserer telefonischen Sprechzeiten an, bitte versuchen Sie es donnerstags zwischen 11:30 und 12:00 Uhr erneut. Für Millionen gesetzlich Krankenversicherte in Deutschland gehört dieser Satz zum Standardrepertoire ihrer Krankheitsgeschichte. Wer heute einen Termin beim Kardiologen, Rheumatologen, Hautarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater benötigt, braucht vor allem eines: einen langen Atem.

Wie Recherchen im Themendossier Gesundheitssystem der Süddeutschen Zeitung verdeutlichen, führen Nachwuchsmangel und Budgetobergrenzen insbesondere bei Rheumatologen, Hautärzten und Kinderpsychiatern zu gravierenden Engpässen. Die von der Politik etablierte Terminservicestelle unter der bundesweiten Rufnummer 116117 kann das Grundproblem nicht lösen, wenn schlicht die Arztstunden in einer Region fehlen.

Nach Erhebungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Routine-Facharzttermin bundesweit rund 38 Tage. Doch dieser statistische Mittelwert täuscht über dramatische regionale Ausreißer hinweg. Bei Augenärzten und Dermatologen in ländlichen Regionen Nordrhein-Westfalens, Brandenburgs oder Sachsens melden Patientinnen und Patienten nicht selten Wartezeiten von sechs bis neun Monaten.

Dr. Martin Völkel, Fachautor für Gesundheit und Medizinethik bei rundGefragt, hat neun Bürgerinnen und Bürger in ganz Deutschland befragt. Seine Recherche führt vom Siegerland über den Großraum Leipzig bis nach Passau. Die Berichte zeigen, wie sich der Zugang zu medizinischer Diagnostik zusehends in eine Zweiklassenmedizin spaltet.

Während privat Versicherte oder Selbstzahler über kommerzielle Online-Terminportale oft innerhalb von 48 Stunden einen Sprechstundentermin erhalten, stehen gesetzlich Versicherte vor verschlossenen Praxistüren. Viele Facharztpraxen verhängen formelle oder informelle Aufnahmestopps für Neupatienten, um ihre festgelegten Honorarbudgets nicht zu überschreiten. Zusätzliche Kassenpatienten bedeuten für niedergelassene Ärzte ab einer bestimmten Fallzahl schlicht unbezahlte Mehrarbeit.

Die gesetzliche Regelung zur Terminservicestelle 116117 verspricht zwar eine Vermittlung innerhalb von vier Wochen, wenn der Hausarzt eine Dringlichkeitsüberweisung mit individuellem Vermittlungscode ausstellt. In der Praxis führt dies jedoch häufig dazu, dass Patienten Termine bei Spezialisten zugewiesen bekommen, die fünfzig oder sechzig Kilometer vom Wohnort entfernt liegen. Für ältere, nicht mehr mobile Menschen ist dies ohne fremde Fahrdienste kaum zu bewältigen.

Besonders beunruhigend ist die Lage in der psychosozialen Versorgung. Kinder und Jugendliche mit akuten Angststörungen, Essstörungen oder Schulverweigerung warten laut Berichten von Verbänden oft ein halbes Jahr auf ein erstes diagnostisches Erstgespräch. In der Zwischenzeit verschlimmern sich die Symptome, und Familien geraten an den Rand der Verzweiflung.

Einige Patientinnen und Patienten greifen aus Not zur Selbsthilfe. Sie nutzen das gesetzliche Kostenerstattungsverfahren nach Paragraf 13 Absatz 3 SGB V oder zahlen die Konsultation bei einer Privatpraxis komplett aus eigener Tasche. Was für wohlhabende Haushalte ein Ärgernis darstellt, schließt einkommensschwache Bürgerinnen und Bürger von einer zeitnahen Versorgung faktisch aus.

Einen Hoffnungsschimmer bietet die sogenannte Hausarztzentrierte Versorgung (HZV): Nehmen Patienten an diesem Hausarztprogramm ihrer Krankenkasse teil, koordiniert der Hausarzt sämtliche Facharztüberweisungen verbindlich und kann über direkte Arzt-zu-Arzt-Absprachen (Hausarztvermittlungsfall) oft Termine vermitteln, die Patienten am Praxistelefon verwehrt bleiben. Ärzte erhalten dafür einen gesonderten extrabudgetären Honorarzuschlag.

Gleichzeitig stehen auch die Praxisärzte unter starkem Druck. Ausufernde Dokumentationspflichten, veraltete Telematik-Infrastrukturen und der Mangel an medizinischen Fachangestellten (MFA) führen dazu, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte vorzeitig in den Ruhestand gehen oder ihre Kassensitze an große investorengetragene Medizinische Versorgungszentren (iMVZ) verkaufen.

Die folgenden neun Stimmen aus Siegen, Leipzig, Passau, Flensburg, Dortmund, Erfurt, Nürnberg, Potsdam und Freiburg machen spürbar, welche seelischen und gesundheitlichen Belastungen mit dem alltäglichen Ringen um einen Facharzttermin einhergehen.

Bürgerstimmen & Protokolle

Aussagen aus ganz Deutschland

Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.

„Verdacht auf Glaukom. Beim ersten Anruf sagte man mir: Wir nehmen keine neuen Kassenpatienten. Über die 116117 bekam ich nach sechs Wochen einen Termin in 45 Kilometer Entfernung. Da ich kein Auto habe, musste mich mein Sohn an seinem freien Tag fahren.“
Renate Becker(63 Jahre)•Verkäuferin•Siegen
Wartete monatelang auf augenärztliche Kontrolluntersuchung.
„Bei mir bestand Verdacht auf Bandscheibenvorfall. Bei drei Kassen-Orthopäden hieß es: Frühestens im Dezember, also in fünf Monaten. Als ich sagte, ich zahle die MRT-Besprechung privat als Selbstzahler, hatte ich am übernächsten Dienstag um 9:15 Uhr einen Termin.“
Tobias Lindemann(39 Jahre)•Softwareentwickler•Leipzig
Zahlte den Facharztbesuch notgedrungen aus eigener Tasche.
„Mein Rheumatologe ging in Rente, die Praxis fand keinen Nachfolger. Der nächste Facharzt ist in Regensburg, über 120 Kilometer hin und zurück. Wenn man akute Gelenkschübe hat, ist jede Autofahrt eine Qual.“
Anke Wollschläger(52 Jahre)•Erzieherin•Passau
Reist vierteljährlich zur Infusionstherapie an.
„Wir arbeiten am Limit. Wir vergeben jeden Montag um acht Uhr die Akut-Termine für die Woche. Um 8:15 Uhr ist die Schlange auf dem Bürgersteig fünfzig Meter lang. Ich verstehe den Frust der Leute, aber mein Kassenbudget deckt nur 1.200 Fälle im Quartal ab.“
Dr. Christian Meyer(58 Jahre)•Niedergelassener Dermatologe•Dortmund
Führt eine hautärztliche Einzelpraxis im Ruhrgebiet.
„Mein Sohn brauchte dringend einen Termin beim Kinder-Endokrinologen wegen Wachstumsverzögerung. Neun Praxen und zwei Unikliniken haben uns abgewiesen. Erst als unsere Kinderärztin persönlich zum Telefon griff, ging es plötzlich innerhalb von zwei Wochen.“
Fatma Yildiz(35 Jahre)•Buchhalterin•Nürnberg
Suchte über vier Monate nach einem Spezialisten für ihren Sohn.
„Man sitzt morgens um sieben in der offenen Sprechstunde und hofft, dass man unter die ersten fünf kommt. Wer um halb acht kommt, wird wieder heimgeschickt. Das fühlt sich an wie Betteln um medizinische Versorgung, für die man sein Leben lang Beiträge gezahlt hat.“
Uwe Seifert(67 Jahre)•Früherer Schlosser•Erfurt
Stammgast in den Akutsprechstunden der Erfurter Innenstadt.
„Ich nutze nur noch Online-Portale mit Benachrichtigungsfunktion. Wenn jemand abspringt, ploppt der Termin auf. Man muss innerhalb von zehn Sekunden klicken, sonst ist er weg. Für ältere Menschen ohne Smartphone ist dieses System eine Katastrophe.“
Silke Brandstetter(44 Jahre)•Personalreferentin•Freiburg
Sichert Termine über Absage-Benachrichtigungen digital ab.
„Chronische Ohrenschmerzen nach einer Mittelohrentzündung. Beim HNO-Arzt hieß es: Nur noch mit Dringlichkeitscode vom Hausarzt. Man rennt erst zwei Stunden zum Hausarzt, um einen Zettel zu holen, und telefoniert dann tagelang hinterher.“
Maximilian Grebe(29 Jahre)•Landschaftsgärtner•Flensburg
Erlebte die Hürden der neuen Dringlichkeitsvermittlung.
„Früher kannte mein Kardiologe meinen Mann und mich persönlich. Heute wechselt bei jedem Besuch der Assistenzarzt im MVZ. Die Akte ist digital, aber keiner schaut einem mehr in die Augen. Die persönliche Bindung ist komplett verloren gegangen.“
Brigitte Thalheim(76 Jahre)•Rentnerin•Potsdam
Patientin in einem trägergeführten Groß-MVZ.
Hinweis zur journalistischen Unabhängigkeit: Dieser redaktionelle Beitrag dient rein allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und stellt keine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung bzw. Empfehlung dar. Es besteht keinerlei Verbindung zu den porträtierten Personen oder Einrichtungen.
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