Landarzt gesucht: Wie sichern Dörfer ihre Versorgung?
Jeder dritte Hausarzt auf dem Land geht in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Acht Menschen über Praxissterben, Gemeindeschwestern und neue Ärztehäuser.
Von Dr. Martin Völkel
• Begleiterin im Feld:

Ein weiß lackiertes Holzschild mit verblichener Messinggravur hängt neben der schweren Eichentür eines Gehöfts im Bayerischen Wald: Dr. med. Wolfgang Gruber, Facharzt für Allgemeinmedizin. Seit 38 Jahren parken die Bewohner der umliegenden Dörfer jeden Werktag vor dieser Tür. Doch am Jahresende wird Gruber 69, und trotz hunderter Annoncen in Fachblättern und Prämien der Gemeinde hat sich bis heute kein Nachfolger für den Kassenarztsitz gefunden. Die Praxis droht für immer zu schließen.
Das Schicksal der Praxis Gruber ist kein Einzelfall, sondern symptomatisch für weite Teile der Bundesrepublik. Nach Angaben des Deutschen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ist bereits heute mehr als jeder dritte niedergelassene Hausarzt in ländlichen Regionen über 60 Jahre alt. In den kommenden fünf bis sieben Jahren droht ein massiver Generationswechsel, für den schlicht die Köpfe fehlen.
Die Ursachen für den Landarztmangel sind vielschichtig. Junge Medizinerinnen und Mediziner scheuen zunehmend das wirtschaftliche Einzelkämpfertum, hohe Investitionskredite für Praxiseinrichtungen und die oft unkalkulierbaren Notdienstverpflichtungen an Wochenenden. Stattdessen wünschen sich viele Nachwuchsärzte geregelte Arbeitszeiten in Anstellung, interdisziplinäre Teams und eine verlässliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Dr. Martin Völkel hat für rundGefragt acht Bürgerinnen, Kommunalpolitiker und Landärzte in Hessen, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz besucht. Seine Recherche zeigt: Wo die klassische Einzelpraxis stirbt, entstehen gezwungenermaßen neue, kreative Versorgungsmodelle.
Einige vorausschauende Kommunen nehmen das Schicksal selbst in die Hand. Sie gründen kommunale Medizinische Versorgungszentren (MVZ), stellen Ärztinnen und Ärzte im Angestelltenverhältnis ein und übernehmen die bürokratische Praxisverwaltung komplett. So entfällt für junge Mediziner das finanzielle Risiko, während die Patientinnen und Patienten vor Ort versorgt bleiben.
Ein weiterer Schlüssel liegt in der Aufwertung nichtärztlicher Berufe. Das Konzept der Gemeindeschwester oder der Physician Assistants (PA) gewinnt an Bedeutung: Hochqualifizierte Pflege- und Praxisassistentinnen übernehmen Hausbesuche, führen Routinekontrollen wie Blutdruck- oder Blutzuckermessungen durch, wechseln Verbände und halten per Videosprechstunde Rücksprache mit dem Arzt. Das entlastet die verbliebenen Mediziner enorm.
Gleichzeitig experimentieren ländliche Landkreise mit mobilen Arztbussen. Speziell umgebaute Fahrzeuge fahren feste Haltepunkte in abgelegenen Weilern an, um immobilen Seniorinnen und Senioren den mühsamen Weg in die Kreisstadt zu ersparen. Was als Notlösung begann, entwickelt sich vielerorts zu einem festen Treffpunkt im Dorf.
Dennoch warnen Experten vor falschen Illusionen. Telemedizin und mobile Busse können eine kontinuierliche, jahrzehntelange hausärztliche Beziehung nicht vollständig ersetzen. Wer auf dem Land lebt, braucht das Vertrauen, dass im akuten Notfall innerhalb von zehn bis fünfzehn Minuten qualifizierte Hilfe eintrifft. Die zunehmende Zentralisierung von Notfallambulanzen an Schwerpunktkliniken verschärft diese Sorge, wenn Rettungswagen aus Nachbarkreisen anrücken müssen.
Die Diskussion um die Landarztquote an den Universitäten, die Studienplätze an die Verpflichtung zur mehrjährigen Arbeit auf dem Land koppelt, greift erst mit einer Verzögerung von zehn bis zwölf Jahren. Bis die ersten Absolventen ihre Facharztausbildung abgeschlossen haben, wird ein Großteil der heutigen Praxeninhaber längst im Ruhestand sein. Kommunen müssen deshalb jetzt investieren, um nicht abgehängt zu werden.
Die folgenden acht Berichte aus Freyung, Prüm, Uckermark, Vogelsbergkreis, Altmark, Erzgebirge, Nordfriesland und der Rhön zeigen die Härten des Mangels, aber auch den enormen Mut ländlicher Gemeinschaften, für ihre Gesundheit zu kämpfen.
Aussagen aus ganz Deutschland
Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.
„Ich habe 38 Jahre lang Hausbesuche bei Wind und Wetter gemacht, nachts um zwei Kälberzüchter reanimiert und Generationen aufwachsen sehen. Ich biete meine voll ausgestattete Praxis für einen symbolischen Euro an. Trotzdem will niemand aufs Land. Das bricht mir das Herz.“
„Seit unser Doktor zugemacht hat, muss ich für ein einfaches Folgerezept 28 Kilometer mit dem Rufbus fahren. Der Bus fährt morgens um halb acht hin und erst um 13 Uhr zurück. Man verbringt den halben Tag für zwei Schachteln Herztabletten.“
„Wir haben als Gemeinde 400.000 Euro in die Hand genommen und ein altes Pfarrhaus zum Ärztehaus umgebaut. Wir bieten eine Festanstellung ohne Praxisrisiko und einen Kita-Platz mit Vorranggarantie. Nur so konnten wir zwei junge Ärztinnen aus Berlin gewinnen.“
„Ich wollte nie eine Praxis kaufen und mit der Bank über Kredite verhandeln. Im kommunalen MVZ arbeite ich 32 Stunden, habe verlässliche Schichten und kann mich voll auf meine Patienten konzentrieren. Für mich als Mutter von zwei Kindern ist das perfekt.“
„Wenn bei uns der Notarzt alarmiert wird, dauert es im Schnitt 24 Minuten, bis das Blaulicht auf den Hof rollt. Wir haben deshalb im Dorf einen Verein von First Respondern gegründet. Wir halten Defibrillatoren vor und überbrücken die Zeit bis zum Rettungsdienst.“
„Ich fahre jeden Tag mit dem Praxis-Kleinwagen zu fünfzehn älteren Patienten. Ich messe INR-Werte, versorge chronische Wunden und höre zu, wie es den Leuten geht. Ich bin das Auge und Ohr des Arztes vor Ort.“
„Wir betreiben einmal pro Woche einen rollenden Arztbus auf den Geest-Dörfern. Vor allem Menschen ohne Führerschein stehen pünktlich an der Haltestelle. Das ist keine Medizin zweiter Klasse, sondern handfeste Fürsorge.“
„Unser Doktor kennt mich, seit ich 40 war. Er weiß, ohne in die Akte zu gucken, wie mein Mann hieß und welche Sorgen ich habe. Wenn diese Generation von Landärzten weg ist, stirbt eine menschliche Wärme, die kein Computer ersetzen kann.“
Weitere Rundfragen & Berichte

Wie lange haben Sie auf Ihren Facharzttermin gewartet?

Psychotherapieplatz finden: Wie gelingt die Suche heute?
