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GesundheitStimmen aus der Praxis04. November 2026•9 Min. Lesezeit

Was tun Sie ganz konkret für Ihre psychische Gesundheit?

Vom frühen Waldspaziergang bis zum bewussten Smartphone-Fasten: Sechs Menschen über Routinen, die ihnen helfen, in einer überreizten Welt die Balance zu halten.

Von Dr. Martin Völkel

• Begleiterin im Feld:

Was tun Sie ganz konkret für Ihre psychische Gesundheit?
Eine Teetasse, ein Notizbuch und das morgendliche Licht am Küchenfenster in Freiburg: Für viele Menschen ein unverzichtbares Ritual zur seelischen Selbstfürsorge.Foto: Dr. Martin Völkel / rundGefragt
Recherche-Datenpunkte im Überblick
Fast 20 % aller FehltageFehlzeiten Psyche
Ø 39 Tage pro FallDauer Krankschreibung
Bewegung im FreienWirksamstes Ritual
64 % schalten abends abDigital Detox

Das morgendliche Kaffeekochen vor Sonnenaufgang, der zügige Spaziergang durch den herbstlichen Stadtwald ohne Kopfhörer im Ohr oder das radikale Ausschalten aller Push-Nachrichten ab 19 Uhr: In einer von ständiger Erreichbarkeit, globalen Krisennachrichten und beruflichem Leistungsdruck geprägten Gesellschaft gewinnt die Frage nach der alltäglichen Psychohygiene eine völlig neue Dringlichkeit.

Nach den Krankheitsberichten der großen gesetzlichen Krankenkassen wie Barmer, Techniker und DAK machen psychische Erkrankungen wie Depressionen, Anpassungsstörungen und Burnout mittlerweile fast zwanzig Prozent aller Fehlzeiten im deutschen Arbeitsleben aus. Die Ausfalltage aufgrund seelischer Leiden haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren mehr als verdoppelt.

Dr. Martin Völkel, Fachautor für Gesundheit und Medizinethik bei rundGefragt, hat sechs Menschen in unterschiedlichen Berufen und Lebenslagen nach ihren ganz persönlichen Schutzschildern befragt. Seine Recherche zeigt: Mentale Widerstandskraft (Resilienz) ist keine angeborene Charaktereigenschaft, sondern das Ergebnis wiederholter, bewusster Alltagsentscheidungen.

Ein gemeinsames Merkmal der geschilderten Strategien ist die Schaffung analoger Inseln. Wer den gesamten Arbeitstag vor Monitoren verbringt und in Videokonferenzen sitzt, profitiert überproportional von Tätigkeiten, die haptische Sinne ansprechen: Gartenarbeit, Kochen ohne Rezept, Töpfern oder Holzarbeiten. Das Gehirn schaltet dabei von abstrakter Problemlösung auf konkrete, sinnliche Wahrnehmung um.

Ebenso entscheidend ist die Fähigkeit zur Grenzziehung. Viele Befragte berichten, dass ihr persönlicher Wendepunkt in dem Moment lag, als sie lernten, Erwartungshaltungen von Kollegen, Chefs oder Verwandten höflich, aber bestimmt zurückzuweisen. Ein klares Nein zu zusätzlichen Aufgaben ist oft die einzige wirksame Notbremse vor dem Erschöpfungszustand.

Fachärzte für Psychosomatik betonen zudem die Bedeutung von Schlaf- und Bewegungsroutinen. Regelmäßige aerobe Bewegung an der frischen Luft baut Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin nachweislich ab, während feste Schlafenszeiten ohne Bildschirmnutzung im Schlafzimmer die nächtliche Regeneration des zentralen Nervensystems sichern.

Wichtig ist dabei die Abgrenzung von kommerzialisierten Wellness-Trends. Ein teures Schaumbad oder eine Duftkerze lösen keine chronischen Überlastungskonflikte am Arbeitsplatz oder in der Familie. Echte mentale Fürsorge bedeutet, die eigenen Kapazitätsgrenzen realistisch anzuerkennen, toxische Beziehungsmuster zu hinterfragen und sich bei Bedarf ohne falsche Scham professionelle therapeutische Unterstützung zu suchen.

Die folgenden sechs Stimmen aus Freiburg, Hamburg, Berlin, Dresden, Münster und München geben praktische Einblicke in Rituale, die helfen, in einer beschleunigten Welt innerlich zur Ruhe zu kommen.

Bürgerstimmen & Protokolle

Aussagen aus ganz Deutschland

Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.

„Ich stehe jeden Morgen eine halbe Stunde vor meiner Familie auf. Dreißig Minuten Stille, ein schwarzer Kaffee am offenen Fenster, kein Handy. Diese halbe Stunde gehört nur mir. Wenn die Kinder aufwachen, habe ich meine innere Mitte schon gefunden.“
Silke Brand(41 Jahre)•Grafikdesignerin & Mutter•Freiburg
Pflegt seit fünf Jahren ein morgendliches Stilleritual.
„Nach einem Schultag mit 120 pubertierenden Jugendlichen fahre ich mit dem Fahrrad zwölf Kilometer durch das Alstertal nach Hause. Bei Wind und Regen radeln pustet den Kopf frei. Wenn ich die Haustür aufschließe, ist der Schultag draußen geblieben.“
Dr. Jonas Weimann(49 Jahre)•Gymnasiallehrer•Hamburg
Nutzt den Arbeitsweg als tägliche mentale Schleuse.
„Ich habe alle Arbeits-Apps vom Privathandy gelöscht. Freitag um 17 Uhr klappe ich den Laptop zu und lege ihn in eine Schublade. Das Smartphone liegt am Wochenende im Flur. Wer mich dringend braucht, muss anrufen. Es ruft fast nie jemand an.“
Fatma Altun(34 Jahre)•IT-Projektmanagerin•Berlin
Zieht strikte Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.
„Nach einem Burnout vor vier Jahren habe ich mir einen Schrebergarten gepachtet. In der Erde wühlen, Tomaten ausgeizen, das Wachsen beobachten: Das hat mich mehr geheilt als jedes Selbsthilfebuch. Die Natur lässt sich nicht hetzen.“
Thorsten Gellert(56 Jahre)•Kaufmännischer Angestellter•Dresden
Fand nach beruflicher Krise Halt im Kleingarten.
„Im Kreißsaal trage ich enorme Verantwortung. Wenn ich frei habe, gehe ich dreimal die Woche im Kanal schwimmen, auch bis in den Spätherbst. Das kalte Wasser holt mich sofort ins Hier und Jetzt. Da gibt es kein Grübeln über vergangene Schichten.“
Miriam Senger(28 Jahre)•Hebamme•Münster
Praktiziert Kaltwasserschwimmen zur Stressregulation.
„Ich führe jeden Abend ein Dankbarkeitstagebuch und schreibe drei konkrete Dinge auf, die am Tag gut waren. Klingt kitschig, trainiert das Gehirn aber darauf, das Positive wahrzunehmen, statt nur auf Krisenmeldungen im Newsfeed zu starren.“
Leon Kuhlmann(23 Jahre)•Student der Philosophie•München
Schreibt täglich handschriftliche Tagesreflexionen.
Hinweis zur journalistischen Unabhängigkeit: Dieser redaktionelle Beitrag dient rein allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und stellt keine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung bzw. Empfehlung dar. Es besteht keinerlei Verbindung zu den porträtierten Personen oder Einrichtungen.
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