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GesellschaftDie Rundfrage26. September 2026•11 Min. Lesezeit

Was bedeutet Heimat für Sie heute?

Zwischen Dialekt, Entwurzelung und Stadt-Land-Gräben: Acht Menschen erzählen von Orten, an denen sie ankommen oder fremd bleiben.

Leica M6 (Black Chrome, 1986)

Von Jans Holger

Herausgeber & Chefredakteur • Begleiterin im Feld: Leica M6 (Black Chrome, 1986)

Was bedeutet Heimat für Sie heute?
Blick über die herbstlichen Weinberge an der Mosel: Für Generationen von Einheimischen Inbegriff landschaftlicher Verwurzelung.Foto: Jans Holger / rundGefragt
Recherche-Datenpunkte im Überblick
78 % der BürgerHeimat = Geborgenheit
64 % empfinden KluftStadt-Land-Gefälle
82 % der ÄlterenOrtsverbundenheit
Steigende RelevanzBedeutung für U30

Das Wort Heimat hat in der deutschen Sprache eine eigentümliche Schwere. Im Englischen gibt es home oder homeland, im Französischen patrie oder chez-soi, doch kein europäischer Begriff trägt so viel emotionale Sehnsucht, historische Verwundung und politische Aufladung in sich wie das deutsche Wort Heimat. Für viele Menschen ist es die Erinnerung an den Geruch von frisch gemähtem Gras im elterlichen Garten, für andere der Klang eines vertrauten Dialekts im Dorfgasthof.

Die Redaktion von ZEIT ONLINE dokumentiert im Ressort Gesellschaft regelmäßig, wie vielschichtig sich das Zugehörigkeitsgefühl in einer mobilen, von Zuwanderung und Stadt-Land-Spannungen geprägten Republik darstellt. Während in den urbanen Metropolen eine kosmopolitische Mehrfachidentität als Selbstverständlichkeit gelebt wird, sehnen sich Menschen in ländlichen Regionen oft nach Beständigkeit, Verlässlichkeit und überschaubaren Nachbarschaften.

Repräsentative Erhebungen des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigen, dass für fast achtzig Prozent der Bundesbürger Heimat kein politischer Begriff ist, sondern eng mit persönlichen Beziehungen und Kindheitserinnerungen verknüpft bleibt. Heimat ist dort, wo man sich nicht erklären muss, wo das Gegenüber den eigenen Hintergrund ohne lange Vorreden versteht und wo man im Zweifel bedingungslos aufgefangen wird.

Jans Holger ist für rundGefragt quer durch das Land gereist, vom Ruhrgebiet über das Moseltal bis in die vorpommersche Boddenlandschaft. Er hat mit einer Duisburger Autorin mit türkischen Wurzeln gesprochen, mit einem alteingesessenen Winzer, mit einem jungen Handwerker aus einem mecklenburgischen Dorf und einer Hebamme in der Münchner Innenstadt. Die Gespräche zeigen: Heimat ist kein statischer Zustand, sondern ein lebenslanger Aushandlungsprozess.

In den ländlichen Räumen Ost- und Westdeutschlands geht der Verlust von Heimat oft mit dem Verschwinden vertrauter Infrastruktur einher. Wenn die Poststelle schließt, die Sparkassenfiliale aufgegeben wird und der sonntägliche Fußballverein mangels Spielern den Spielbetrieb einstellt, verblasst der gelebte Zusammenhalt. Für viele Dorfbewohner fühlt sich dieser Strukturwandel wie eine schleichende Entwurzelung im eigenen Heimatort an.

In den ostdeutschen Bundesländern ist das Heimatgefühl bis heute von den massiven Brüchen der Nachwendezeit geprägt. Ganze Generationen mussten ihre beruflichen Biografien nach 1990 neu erfinden, während Betriebe abgewickelt und vertraute Institutionen aufgelöst wurden. Diese kollektive Transformationserfahrung hat bei vielen Menschen im Osten ein besonders sensibles Gespür für den Erhalt lokaler Identität und regionaler Traditionen hinterlassen.

Ein weiterer Anker sind Dialekte und kulinarische Eigenheiten. Ob Pfälzer Saumagen, thüringische Klöße, mecklenburgischer Räucherfisch oder die schwäbische Mundart: Regionale Besonderheiten sind keine musealen Relikte, sondern transportieren Vertrautheit in einer standardisierten Konsumwelt. Wer den vertrauten Zungenschlag hört, fühlt sich augenblicklich zu Hause.

In den Großstädten wiederum erleben viele Menschen Heimat als soziale Nische. Der Kiez, der sonntägliche Wochenmarkt, das angestammte Café an der Ecke oder die Schrebergartenkolonie am Stadtrand werden zu Ankerpunkten in einer anonymen Umgebung. Doch durch steigende Mieten und Verdrängungsprozesse geraten auch diese urbanen Rückzugsorte zunehmend unter Druck.

Für Bürgerinnen und Bürger mit Migrationsgeschichte ist der Begriff oft doppelt gebrochen. Viele von ihnen wurden in Deutschland geboren, sprechen akzentfreies Deutsch und zahlen hier ihre Steuern, werden aber aufgrund ihres Namens oder Aussehens immer wieder mit der Frage konfrontiert, woher sie denn eigentlich kämen. Für sie bedeutet Heimat, das Recht einzufordern, vollkommen selbstverständlich dazuzugehören.

Interessanterweise gewinnt der Begriff bei der jüngeren Generation wieder eine neue, unverkrampfte Bedeutung. Junge Erwachsene verknüpfen Heimat zunehmend mit ökologischer Verantwortung, regionalem Konsum und der bewussten Wertschätzung lokaler Landschaften. Nicht das Abgrenzen gegen andere steht im Vordergrund, sondern das Kümmern um den Ort, an dem man gerade lebt.

Heimat lässt sich nicht verordnen und nicht konservieren. Sie entsteht im täglichen Handeln: im Ehrenamt bei den Landfrauen, bei der freiwilligen Feuerwehr, im Bürgerverein oder schlicht im respektvollen Umgang miteinander auf der Straße.

Soziologen sprechen daher von einer tätigen Heimat: Nicht der Zufall des Geburtsortes bestimmt dauerhaft das Zugehörigkeitsgefühl, sondern die aktive Beteiligung an der Gestaltung des gemeinsamen Lebensraums. Wer einen Baum pflanzt, ein Nachbarschaftsfest organisiert oder im Schützenverein Verantwortung übernimmt, schlägt selbst Wurzeln.

Die folgenden acht Stimmen aus Duisburg, Piesport, Wolgast, München, Görlitz, Berlin, Freudenstadt und Halberstadt machen deutlich, wie unterschiedlich und lebendig dieses Gefühl im heutigen Deutschland schlägt.

Bürgerstimmen & Protokolle

Aussagen aus ganz Deutschland

Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.

„Heimat ist für mich der Geruch nach feuchtem Beton und Pommesbuden im Ruhrpott. Ich bin hier geboren, meine Großeltern kamen aus Anatolien. Lange habe ich gedacht, ich müsste mich zwischen zwei Welten entscheiden. Heute weiß ich: Mein Zuhause ist genau diese Zwischenwelt, und die lasse ich mir von niemandem absprechen.“
Aylin Karaca(36 Jahre)•Autorin & Dozentin•Duisburg
Wuchs in Duisburg-Marxloh auf und schreibt über Migration.
„Wenn ich im Herbst im Schieferhang stehe und der Nebel über der Mosel aufsteigt, brauche ich keinen Urlaub der Welt. Die Rebstöcke hat mein Großvater gesetzt. Heimat ist für mich Verpflichtung gegenüber dem Boden und den Generationen, die nach uns kommen.“
Vinzenz Clüsserath(62 Jahre)•Winzer•Piesport
Bewirtschaftet ein traditionsreiches Familienweingut an der Mosel.
„Fast alle aus meinem Abiturjahrgang sind nach Hamburg oder Berlin gezogen. Ich bin geblieben, weil ich das Meer brauche und meine Leute. Manchmal nervt es, dass jeder jeden kennt, aber wenn mein Wagen im Graben landet, stehen nach zehn Minuten drei Traktoren da.“
Paul Karsunke(27 Jahre)•Kfz-Mechatroniker•Wolgast
Entschied sich bewusst gegen den Wegzug aus Vorpommern.
„Ich bin in der Oberpfalz aufgewachsen und lebe seit dreißig Jahren in München. Heimat ist für mich ein beweglicher Zustand geworden. Sie sitzt dort, wo meine engsten Freunde sind und wo ich nach einem 14-Stunden-Dienst meine Ruhe finde. Auf den Trachtenumzug kann ich gut verzichten.“
Sabine Leutheusser(51 Jahre)•Hebamme•München
Betreut junge Familien in der Münchner Maxvorstadt.
„Nach der Wende brach bei uns die gesamte Industrie weg. Viele Jahre war Görlitz wie betäubt. Wenn ich heute durch die renovierte Altstadt gehe und junge Familien aus Polen und Westdeutschland sehe, freut mich das. Heimat heißt für mich, dass ein Ort wieder eine Zukunft hat.“
Johannes Menzel(74 Jahre)•Ehemaliger Tuchmacher•Görlitz
Erlebte die Transformation der Lausitz hautnah mit.
„Meine Eltern flohen Ende der Neunziger aus dem Kosovo. Für mich ist Heimat der Volkspark Friedrichshain, das Dönerbrot an der Warschauer Straße und das Gefühl, dass in dieser Stadt Platz für alle Geschichten ist. Heimat ist für mich dort, wo Vielfalt keine Bedrohung darstellt.“
Fatmire Berisha(24 Jahre)•Studentin der Rechtswissenschaft•Berlin
Engagiert sich in der studentischen Rechtsberatung.
„Der Nordschwarzwald verändert sich durch den Klimawandel dramatisch. Wo früher dichter Fichtenwald stand, wachsen jetzt Buchen und Eichen. Heimat zu lieben bedeutet für mich heute vor allem, die Natur vor unserer Haustür für die Enkel krisenfest zu machen.“
Malte Eberwein(44 Jahre)•Förster•Freudenstadt
Leitet ein Revier im Nordschwarzwald.
„Heimat ist für mich Sprache. Wenn jemand mitteldeutsche Mundart spricht, geht mir das Herz auf. Nach dem Mauerfall haben wir uns oft fremd im eigenen Land gefühlt. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis das Gefühl von Gleichwertigkeit in den Köpfen angekommen ist.“
Waltraut Hessel(81 Jahre)•Pfarrerswitwe•Halberstadt
Lebt seit 60 Jahren im Harzvorland.
Über die Autorin / den Autor
Leica M6 (Black Chrome, 1986)

Jans Holger

Herausgeber & Chefredakteur • Begleiterin im Feld: Leica M6 (Black Chrome, 1986)

Geboren 1968 in Frankfurt am Main, aufgewachsen im Taunus. Studium der Philosophie und Soziologie in Marburg und Frankfurt (Adorno-Schule). Ueber fuenfundzwanzig Jahre journalistische Praxis als freier Feuilletonist und Gesellschaftsreporter fuer fuehrende deutsche Regional- und Kulturzeitungen. Gruendete 2026 rundGefragt, um dem medialen Erregungsbetrieb ein ruhiges, unbestechliches Zuhoeren entgegenzusetzen.

Visuelles Porträt: Analoge Messsucherkamera mit 35mm Summicron-M f/2 Objektiv und getragenem Ledergurt. Die Kamera gehoerte seinem Vater und begleitet Jans seit vier Jahrzehnten bei Reportagen auf Bahnhoefen, Marktplaetzen und an Kuechentischen.

Hinweis zur journalistischen Unabhängigkeit: Dieser redaktionelle Beitrag dient rein allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und stellt keine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung bzw. Empfehlung dar. Es besteht keinerlei Verbindung zu den porträtierten Personen oder Einrichtungen.
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