Wegen welcher Kleinigkeit haben Sie sich mit Nachbarn gestritten?
Vom überhängenden Kirschbaum bis zum Grillqualm auf dem Balkon: Sechs Bürgerinnen und Bürger über Zäune, Schiedsämter und den Weg zurück zum Grüßen.

Von Stefan Neubert
Redakteur Kultur & Gesellschaft • Begleiterin im Feld: Contax G2 (Titan-Finish)

Ein simpler Holzzaun, der fünfzehn Zentimeter zu weit links gesetzt wurde, eine Thujahecke, deren Zweige im Sommer Schatten auf das Nachbarbeet werfen, oder das rhythmische Brummen einer Wärmepumpe in lauen Sommernächten: Vor deutschen Amtsgerichten landen Jahr für Jahr Zehntausende Klagen, deren Streitwert oft in keinem Verhältnis zu den verbrauchten Anwalts- und Gerichtskosten steht.
Nach Schätzungen des Bundes Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen (BDS) hat bereits jeder dritte Bundesbürger mindestens einen handfesten Nachbarschaftskonflikt erlebt. Was als beiläufiger Unmut über spielende Kinder, Rasenmäherlärm zur Mittagszeit oder herüberziehenden Grillrauch beginnt, entwickelt sich bei mangelnder Kommunikation oft zu einem zermürbenden Kleinkrieg über Gartenzäune hinweg.
Stefan Neubert hat für rundGefragt sechs Bürgerinnen, Hausbesitzer und ehrenamtliche Schiedspersonen in Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Bayern und Hamburg getroffen. Ihre Schilderungen machen deutlich, dass es bei Nachbarschaftsstreitigkeiten selten um Paragrafen des Nachbarrechtsgesetzes geht, sondern fast immer um verletzte Gefühle, mangelnden Respekt und das Bedürfnis nach ungestörter Privatsphäre.
In vielen Bundesländern ist der Gang zum Schiedsamt vor einer Klage beim Amtsgericht gesetzlich vorgeschrieben (obligatorische Streitschlichtung). Bei Kaffee und Mineralwasser versuchen ehrenamtliche Schiedsmänner und Schiedsfrauen, die verhärteten Fronten aufzubrechen. Ihre Erfolgsquote liegt bundesweit bei über fünfzig Prozent. Denn ein gerichtliches Urteil schafft zwar einen juristischen Sieger, zerstört aber meist das nachbarschaftliche Miteinander für die kommenden Jahrzehnte.
Ein neuer Streitfaktor der jüngeren Vergangenheit sind moderne Haustechnologien: Wärmepumpen-Außengeräte, Balkonkraftwerke mit spiegelnden Glasflächen und Wallbox-Kabel, die über Gehwege verlegt werden. Wo gesetzliche Lärm- und Abstandsregeln noch unpräzise gefasst sind, fühlen sich Nachbarn schnell belästigt. Die TA Lärm gibt zwar Richtwerte vor, doch die subjektive Wahrnehmung tieffrequenter Brummgeräusche lässt sich mit reinen Dezibelmessungen selten einfangen.
Juristen betonen zudem die regionalen Unterschiede: Das Nachbarrecht ist in Deutschland weitgehend Ländersache. Während in Nordrhein-Westfalen oder Bayern detaillierte Landesnachbarrechtsgesetze existieren, die Grenzabstände für Zäune, Mauern und Bepflanzungen auf den Zentimeter genau vorschreiben, gelten in Bremen oder Hamburg vorwiegend die allgemeinen Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches (§§ 906 ff. BGB). Ohne genaue Sachkenntnis laufen Eigentümer schnell Gefahr, formale Fehler zu begehen.
Psychologen raten dazu, Irritationen so früh wie möglich im persönlichen Gespräch anzusprechen, bevor sich Groll anstaut. Ein freundlicher Hinweis beim Gartenzaunbier wirkt oft Wunder, während ein formeller Anwaltsbrief fast immer als Kriegserklärung verstanden wird.
Die folgenden sechs Stimmen aus Essen, Chemnitz, Augsburg, Hamburg, Gießen und Wuppertal zeigen, wie schnell banale Missverständnisse eskalieren können, aber auch, wie der Weg zurück zu einem friedlichen Nebeneinander gelingt.
Aussagen aus ganz Deutschland
Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.
„Zu mir kommen Menschen, die seit acht Jahren kein Wort mehr miteinander reden, nur weil ein Apfelbaum Laub auf die Einfahrt wirft. Wenn die beiden dann am Tisch sitzen und merken, dass es eigentlich um Einsamkeit und Kränkung geht, fließen oft Tränen. Schlichten ist Seelsorge am Gartenzaun.“
„Unser Nachbar baute eine Außensauna direkt an unsere Grundstücksgrenze. Der Rauch zog jeden Samstagabend in unser Schlafzimmer. Erst als wir einen Anwalt einschalteten, willigte er in einen höheren Kamin ein. Heute grüßen wir uns nur noch knapp.“
„Im Sommer grillen wir sonntags mit der Großfamilie auf der Terrasse. Die ältere Dame von nebenan rief dreimal die Polizei wegen Geruchsbelästigung. Dann haben wir ihr einfach einen Teller Lammkoteletts und gefüllte Weinblätter rübergebracht. Seitdem plaudert sie jeden Sonntag mit uns.“
„Die jungen Leute nebenan mähen sonntags den Rasen und lassen die Musik laufen. Für mich war der Sonntag immer heilig. Man muss lernen, dass sich Zeiten ändern, aber ein bisschen Rücksichtnahme auf alte Leute darf man schon erwarten.“
„Die Wärmepumpe des Nachbarn stand genau drei Meter von unserem Kinderzimmerfenster entfernt. Der tiefe Summton nachts machte uns wahnsinnig. Wir haben uns die Kosten für eine professionelle Schallschutzhaube geteilt. Das war billiger als jeder Rechtsstreit.“
„Wegen eines Carports, der zehn Zentimeter zu nah an der Grenze stand, haben wir 3.000 Euro für Gutachter und Gerichte ausgegeben. Am Ende durfte er stehen bleiben. Wir haben gewonnen, aber das Verhältnis zur Nachbarschaft ist für immer zerstört.“

Stefan Neubert
Geboren 1989 in Leipzig. Studium des Kulturjournalismus in Leipzig und Hamburg. Bereist seit zehn Jahren systematisch Klein- und Mittelstaedte in Ost- und Westdeutschland. Beobachtet Vereinsstrukturen, Jugendclubs, laendliche Identitaetsfragen, Nachbarschaften und die stillen Veraenderungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Visuelles Porträt: Champagner-farbene Messsucherkamera aus Titan mit Carl Zeiss Planar 45mm f/2 Objektiv. Schneller, rasiermesserscharfer Klassiker fuer spontane Strassengespraeche und fluechtige Alltagsmomente im natuerlichen Umgebungslicht.


