Über unsThemenarchiv

rundGefragt.

KulturStimmen aus der Praxis10. Oktober 2026•10 Min. Lesezeit

Welches Buch oder Musikstück hat Sie durch schwere Zeiten getragen?

Kultur als Überlebensmittel: Sieben Menschen über Gedichtbände, Klaviersonaten und Songs, die Trost spendeten, als Worte nicht mehr reichten.

Nikon FM2 (1982)

Von Katharina Lindemann

Redakteurin Arbeit & Wirtschaft • Begleiterin im Feld: Nikon FM2 (1982)

Welches Buch oder Musikstück hat Sie durch schwere Zeiten getragen?
Ein altes Klavier und ein aufgeschlagenes Notenheft in einem Altbauzimmer in Weimar: Musik und Literatur als Zufluchtsorte in Zeiten existenzieller Verunsicherung.Foto: Katharina Lindemann / rundGefragt
Recherche-Datenpunkte im Überblick
71 % suchen TrostKulturkonsum in Krisen
84 % empfinden HaltBedeutung von Musik
Romane & LyrikBeliebteste Gattung
Bibliotheken & ChöreFokus Dritte Orte

Es gibt Momente im menschlichen Leben, in denen das Vokabular des Alltags versagt. Nach einer niederschmetternden medizinischen Diagnose, am offenen Grab eines geliebten Angehörigen oder im Zustand chronischer Erschöpfung wirken gut gemeinte Ratschläge von Freunden oft hohl und unzureichend. In solchen Phasen erweist sich Kultur nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als existenzielle Überlebenshilfe.

Die Erhebungen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und des Deutschen Musikrats zeigen, dass Menschen in Zeiten persönlicher Umbrüche gezielt nach Werken suchen, die weder belehren noch ablenken, sondern den Schmerz aushalten und spiegeln. Ob Bachs Goldberg-Variationen, die Lyrik von Mascha Kaléko oder ein scheinbar unscheinbarer Roman aus der Kindheit: Bestimmte künstlerische Formen schaffen einen geschützten Resonanzraum für Gefühle, die sonst keinen Platz finden.

Katharina Lindemann hat für rundGefragt sieben Bürgerinnen und Bürger nach ihren ganz persönlichen kulturellen Ankern befragt. Vom Buchhändler in Weimar über die Onkologie-Krankenschwester in Tübingen bis zum pensionierten Lokführer im Ruhrgebiet schildern sie ungeschminkt, welche Zeilen, Töne oder Verse ihnen geholfen haben, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.

Auffallend in den Berichten ist die Rolle von Rhythmus und Wiederholung. Mehrere Befragte beschreiben, wie das wiederholte Hören desselben Klavierstücks oder das tägliche Rezitieren eines einzelnen Gedichts ihnen half, quälende Gedankenschleifen zu durchbrechen. Die strenge Form klassischer Kontrapunkte oder metrischer Verse vermittelt in Zeiten inneren Chaos ein Gefühl von Ordnung und Verlässlichkeit.

Für andere wiederum ist das Lesen eines anspruchsvollen Romans eine Schule der Perspektive. Wer sich über Tage hinweg in das Schicksal literarischer Figuren vertieft, erlebt, dass Verlust, Trauer und Scheitern universelle menschliche Urerfahrungen sind. Das Gefühl, mit dem eigenen Leid vollkommen allein und unverstanden zu sein, weicht einer stillen Verbundenheit über Jahrhunderte und Kontinente hinweg.

Kulturwissenschaftler betonen, dass diese tröstende Wirkung nicht an elitäre Bildungsgrenzen gebunden ist. Ein einfacher Choral, ein Pop-Song aus dem Radio der Jugendzeit oder ein handgeschriebenes Gedicht auf einem vergilbten Notizzettel entfalten oft stärkere therapeutische Kräfte als hochkomplexe theoretische Abhandlungen.

In einer zunehmend von Hektik und Effizienz geprägten Welt droht dieser stille Wert der Kunst im Alltag unterzugehen. Kulturelle Einrichtungen wie Bibliotheken, Stadtteilchöre und freie Theater kämpfen in vielen Kommunen um ihre finanzielle Existenz, obwohl sie Orte seelischer Grundversorgung sind. Wenn eine städtische Zweigstelle schließt, verliert das Viertel nicht nur Regale voller Bücher, sondern einen der letzten konsumfreien Zufluchtsorte für Suchende und Einsame.

Die Neurowissenschaft bestätigt heute, was Leserinnen und Musikliebhaber seit Jahrhunderten intuitiv wissen: Beim Hören berührender Harmonien schüttet das Gehirn Dopamin aus, während gleichzeitig der Cortisolspiegel sinkt. Kultur ist daher kein elitärer Luxusartikel für Festspielabende, sondern elementare seelische Resilienzförderung im Alltag.

Die folgenden sieben Stimmen aus Weimar, Tübingen, Essen, Rostock, Bamberg, Heidelberg und Osnabrück sind Zeugnisse von der heilsamen Kraft, die entsteht, wenn Kunst auf verwundete Lebenswirklichkeit trifft.

Bürgerstimmen & Protokolle

Aussagen aus ganz Deutschland

Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.

„Als mein Vater an Demenz erkrankte, habe ich Mascha Kalékos Gedichte gelesen. Die Zeile: Zerreiß deine Pläne. Sei klug und halte dich an Wunder, hat mich über Monate aufrecht gehalten. Poesie lügt nicht, sie verlangt kein falsches Funktionieren.“
Friederike Voss(47 Jahre)•Buchhändlerin•Weimar
Fand Trost in der klassischen Exillyrik.
„Nach meiner Krebsoperation konnte ich keine Stimmen ertragen. Ich habe jeden Abend Bachs Goldberg-Variationen in der Aufnahme von Glenn Gould gehört. Diese mathematische Klarheit und innere Ruhe haben meinem Kopf die Panik genommen.“
Thomas Brink(63 Jahre)•Pensionierter Gymnasiallehrer•Tübingen
Hörte während der Chemotherapie klassische Klaviermusik.
„Nach einer schweren Depression las ich Ta-Nehisi Coates und Annie Ernaux. Die Schonungslosigkeit, mit der diese Autoren über Herkunft und Schmerz schreiben, hat mir die Erlaubnis gegeben, meine eigene Traurigkeit nicht länger verstecken zu müssen.“
Selma Öztürk(33 Jahre)•Sozialpädagogin•Essen
Schöpft Kraft aus autobiografischer Literatur.
„Auf der Intensivstation erleben wir täglich den Tod. Auf dem Heimweg im Auto läuft bei mir oft Rachmaninows zweites Klavierkonzert. Es fängt dunkel an und öffnet sich am Ende ins Licht. Für mich ist das ein seelisches Ventil nach zwölf Stunden Schicht.“
Dr. Arndt Schilling(56 Jahre)•Internist•Bamberg
Nutzt Musik zur täglichen psychischen Psychohygiene.
„Als mein Mann starb, lag das Buch Die Wand von Marlen Haushofer auf meinem Nachttisch. Diese Geschichte einer Frau, die ganz allein im Wald überlebt und sich um Tiere kümmert, hat mir gezeigt, dass das Leben auch in vollkommener Einsamkeit Würde behält.“
Marita Knopp(78 Jahre)•Frühere Bibliothekarin•Rostock
Las den österreichischen Klassiker nach dem Verlust des Partners.
„Ich höre Instrumental-Post-Rock von Gruppen wie Mogwai. Wenn Gitarrenwände sich langsam aufbauen und entladen, kann ich Wut und Trauer über zerbrochene Träume körperlich spüren und loslassen. Manchmal braucht Trost keine Geigen, sondern Lautstärke.“
Janosch Weber(29 Jahre)•Schreiner•Heidelberg
Findet emotionale Entlastung in zeitgenössischer Gitarrenmusik.
„Meine Großmutter sang mir als Kind anatolische Klagelieder vor. Als sie starb, habe ich diese Melodien im Wohnzimmer nachgespielt. Es war wie eine Brücke über Generationen und Länder hinweg, die mir zeigte: Du bist nicht entwurzelt.“
Elif Sahin(41 Jahre)•Architektin•Osnabrück
Verbindet Trauerarbeit mit traditioneller Volksmusik.
Über die Autorin / den Autor
Nikon FM2 (1982)

Katharina „Kati“ Lindemann

Redakteurin Arbeit & Wirtschaft • Begleiterin im Feld: Nikon FM2 (1982)

Geboren 1983 in Dortmund, Tochter eines Drehers aus dem Ruhrbergbau. Studium der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften in Bochum. Schwerpunkte: Handwerk, industrieller Wandel, Tarifverhandlungen, Fachkraeftesituation und moderne Arbeitszeitmodelle. Kennt die Sprache der Werkshallen ebenso wie die Logik betrieblicher Kalkulationen.

Visuelles Porträt: Mattschwarze, rein mechanische 35mm SLR mit 50mm f/1.4 Nikkor-Objektiv und deutlichem Messingabrieb an den Kanten. Absolut unverwuestlich, voellig batterieunabhaengig und im harten Reportagealltag zwischen Giessereien und Baustellen erprobt.

Hinweis zur journalistischen Unabhängigkeit: Dieser redaktionelle Beitrag dient rein allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und stellt keine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung bzw. Empfehlung dar. Es besteht keinerlei Verbindung zu den porträtierten Personen oder Einrichtungen.
Weiterlesen

Weitere Rundfragen & Berichte