Haben Sie den Konsum von Nachrichten in letzter Zeit gedrosselt?
Zwischen Eilmeldungen-Overkill, Kriegsangst und Doomscrolling: Sechs Bürgerinnen und Bürger über bewusste Nachrichten-Diäten und den Schutz der eigenen Zuversicht.

Von Katharina Lindemann
Redakteurin Arbeit & Wirtschaft • Begleiterin im Feld: Nikon FM2 (1982)

Ein roter Punkt auf dem Smartphone-Display, eine Vibration in der Hosentasche, der nächste Breaking-News-Ticker: Erdbeben, Kriegseskalation, Haushaltskrise, Hitzerekord. Vor wenigen Jahren galt informierter Medienkonsum als bürgerliche Grundtugend. Wer die 20-Uhr-Tagesschau sah und am Frühstückstisch die Tageszeitung aufschlug, galt als verantwortungsbewusstes Mitglied der Gesellschaft. Doch für Millionen Menschen hat sich der ständige Informationsstrom von einer Orientierungshilfe in eine chronische seelische Belastung verwandelt.
Die empirischen Befunde des Leibniz-Instituts für Medienforschung (Hans-Bredow-Institut) im Rahmen des renommierten Reuters Institute Digital News Report belegen einen drastischen Trend: Der Anteil der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, die aktiv und bewusst Nachrichten meiden (News Avoidance), ist auf einen historischen Höchststand von fast dreißig Prozent geklettert. Die Hauptgründe: Ein Gefühl von Ohnmacht, ständige Angstgefühle und das Empfinden, dass Medienberichterstattung fast ausschließlich Probleme dramatisiert, ohne konstruktive Lösungsansätze aufzuzeigen.
Katharina Lindemann hat für rundGefragt sechs Menschen befragt, die für sich die Notbremse gezogen haben. Vom selbstständigen Handwerker in Thüringen über die Gymnasiallehrerin in Köln bis zum Softwareentwickler in Karlsruhe schildern sie ihren Weg aus der Spirale des Doomscrollings.
Die Konsequenzen des Rückzugs sind vielfältig. Viele Befragte deinstallierten Nachrichten-Apps, schalteten Push-Mitteilungen dauerhaft stumm oder verbannten das Smartphone komplett aus dem Schlafzimmer. An die Stelle des minütlichen Echtzeit-Sensationshungers tritt eine Rückbesinnung auf langsame, entschleunigte Medienformate: die gedruckte Wochenzeitung am Samstagmorgen, hintergründige Monatsmagazine oder vertiefende Podcasts.
Kritiker warnen vor den demokratischen Folgen dieses Trends: Wer sich komplett aus der Berichterstattung ausklinkt, verliert das gemeinsame Verständnis für gesellschaftliche Kompromisse und wird anfälliger für Desinformation in geschlossenen Social-Media-Blasen. Doch betonen Medienpsychologen, dass eine bewusste Reduktion der Dosis nicht mit politischer Gleichgültigkeit gleichzusetzen ist. Im Gegenteil: Wer seinen Geist vor toxischer Reizüberflutung schützt, behält die Energie, sich im realen Leben vor Ort für die eigene Nachbarschaft einzusetzen.
Konstruktiver Journalismus, der Missstände benennt, aber zugleich fragt, welche Kommunen oder Initiativen bereits erfolgreiche Antworten gefunden haben, gewinnt in dieser Gemengelage enorm an Bedeutung.
Verstärkt wird das Phänomen durch die algorithmische Architektur sozialer Plattformen. Da Empörungs- und Katastropheninhalte signifikant höhere Klick- und Verweildauern generieren (Negativity Bias), spülen Feeds bevorzugt alarmistische Schlagzeilen nach oben. Wer sich dieser Mechanik nicht bewusst ist, verwechselt die künstlich überzeichnete mediale Realität schnell mit dem tatsächlichen Zustand der Welt.
Viele Medienhäuser reagieren mittlerweile auf diesen Wandel: Newsletter mit kuratierten Wochenzusammenfassungen, Audio-Formate mit ruhiger Tonalität und lösungsorientierte Reportagereihen erfreuen sich wachsender Beliebtheit bei Leserinnen und Lesern, die nach Sinn statt nach Sensation suchen.
Die folgenden sechs Stimmen aus Köln, Erfurt, Karlsruhe, Kiel, Dresden und Nürnberg erzählen von der Wiederentdeckung des inneren Friedens durch eine gesunde Medienhygiene.
Aussagen aus ganz Deutschland
Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.
„Früher lief bei mir in der Werkstatt das Inforadio den ganzen Tag. Irgendwann merkte ich, dass ich aggressiv wurde und schlechter schlief. Ich habe das Radio durch Hörbücher und Jazz ersetzt. Mein Puls ist spürbar gesunken, und die Welt dreht sich trotzdem weiter.“
„Als der Ukraine-Krieg begann, klebte ich stundenlang am Liveticker. Es war eine Art Sucht nach Kontrolle, die mich gelähmt hat. Heute lese ich samstags eine gedruckte Wochenzeitung. Ich bin genauso informiert, aber ohne den täglichen Panikmodus.“
„Ich habe alle News-Apps gelöscht und den Browser auf dem Handy gesperrt. Auf Social Media folge ich nur noch Naturfotografen und Koch-Accounts. Wenn etwas Weltbewegendes passiert, erfahre ich es ohnehin von Freunden oder Kollegen.“
„Unser Gehirn ist evolutionär nicht dafür gebaut, täglich die Katastrophen von acht Milliarden Menschen in Echtzeit zu verarbeiten. Die ständige Alarmbereitschaft schüttet chronisch Cortisol aus. Eine Nachrichten-Diät ist pure neurologische Notwehr.“
„Ich schaue einmal am Tag um 20 Uhr die Tagesschau, das war es. Keine Eilmeldungen zwischendurch, keine Kommentarspalten im Internet. Seitdem diskutiere ich mit meinen Kollegen wieder viel gelassener über Politik.“
„Im Fernsehen sieht man nur noch Zerstörung und Streit. Ich gehe lieber zweimal die Woche in die Stadtbibliothek und lese Romane oder Biografien. Das nährt das Gemüt, statt Angst zu schüren.“

Katharina „Kati“ Lindemann
Geboren 1983 in Dortmund, Tochter eines Drehers aus dem Ruhrbergbau. Studium der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften in Bochum. Schwerpunkte: Handwerk, industrieller Wandel, Tarifverhandlungen, Fachkraeftesituation und moderne Arbeitszeitmodelle. Kennt die Sprache der Werkshallen ebenso wie die Logik betrieblicher Kalkulationen.
Visuelles Porträt: Mattschwarze, rein mechanische 35mm SLR mit 50mm f/1.4 Nikkor-Objektiv und deutlichem Messingabrieb an den Kanten. Absolut unverwuestlich, voellig batterieunabhaengig und im harten Reportagealltag zwischen Giessereien und Baustellen erprobt.
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