Über unsThemenarchiv

rundGefragt.

WirtschaftMonatlicher Longread14. November 2026•12 Min. Lesezeit

Wie viel Prozent Ihres Einkommens geben Sie fürs Wohnen aus?

Zwischen Mietpreisbremse, Staffelmiete und Wohnungsnot: Acht Menschen über Kaltmieten, Nebenkostenabrechnungen und das Recht auf ein bezahlbares Dach über dem Kopf.

Contax G2 (Titan-Finish)

Von Stefan Neubert

Redakteur Kultur & Gesellschaft • Begleiterin im Feld: Contax G2 (Titan-Finish)

Wie viel Prozent Ihres Einkommens geben Sie fürs Wohnen aus?
Fassaden eines genossenschaftlichen Wohnblocks im Berliner Stadtteil Wedding: Bezahlbarer Wohnraum wird in den Metropolen zur existentiellen sozialen Frage.Foto: Stefan Neubert / rundGefragt
Recherche-Datenpunkte im Überblick
Über 25 % der HaushalteWohnkostenquote >40 %
Bundesweit >800.000Fehlende Sozialwohnungen
Bis 35 €/m² in MetropolenMöbliertes Wohnen
Ø 6,50 €/m² bundesweitGenossenschaftsmieten

Die Warteschlange vor der Altbauwohnung im Berliner Stadtteil Wedding zieht sich an einem regnerischen Dienstagnachmittag über achtzig Meter den Gehweg entlang. Junge Paare mit Aktenordnern voller Gehaltsnachweise, Schufa-Auskünfte und Bürgschaften stehen neben alleinerziehenden Müttern und pensionierten Handwerkern. Alle bewerben sich um dieselbe Zweizimmerwohnung mit 58 Quadratmetern für 1.150 Euro kalt. Eine Szene, die sich so oder ähnlich jede Woche in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt oder Köln abspielt.

Wohnen ist in Deutschland zur sozialen Kernfrage der Gegenwart geworden. Nach den aktuellen Untersuchungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und des Deutschen Mieterbundes (DMB) gibt mittlerweile mehr als jeder vierte Mieterhaushalt über vierzig Prozent seines verfügbaren Nettoeinkommens für die Warmmiete aus. Bei Alleinerziehenden und Rentnern in Großstädten steigt dieser Anteil oft auf über fünfzig Prozent. Von der klassischen Daumenregel, wonach Wohnkosten maximal ein Drittel des Gehalts betragen sollten, haben sich die Realitäten längst entkoppelt.

Stefan Neubert hat für diesen monatlichen Longread acht Menschen in ganz Deutschland befragt: von der Erzieherin in München über den Schlosser in Dortmund bis zum genossenschaftlichen Wohnungsbauunternehmer in Leipzig. Ihre Berichte verdeutlichen, wie die Wohnkostenkrise den gesellschaftlichen Zusammenhalt aushöhlt und weite Teile der arbeitenden Bevölkerung aus den Innenstädten verdrängt.

Ein wesentlicher Treiber der Mietsteigerungen bei Neuverträgen sind sogenannte Index- und Staffelmieten. Was Vermietern eine automatische Anpassung an die allgemeine Teuerungsrate oder feste Erhöhungsschritte garantiert, hat sich für Mieter in den Inflationsjahren zu einer finanziellen Zeitbombe entwickelt. Gleichzeitig laufen bundesweit jedes Jahr zehntausende Sozialwohnungen aus der Preisbindung aus, während der Neubau bezahlbaren Wohnraums infolge hoher Zinsen und strenger Bauvorschriften drastisch eingebrochen ist.

Der historische Rückblick offenbart das Ausmaß der verfehlten Wohnungspolitik: In den 1980er Jahren verfügte die Bundesrepublik über fast vier Millionen Sozialwohnungen mit Mietpreisbindung. Durch den massiven Verkauf kommunaler Wohnungsbestände an internationale Finanzinvestoren in den neunziger und nuller Jahren sowie das Auslaufen jahrzehntelanger Belegungsrechte schrumpfte dieser Bestand auf heute kaum noch eine Million Einheiten. Jährlich fallen mehr geförderte Wohnungen aus der Bindung, als durch Neubau hinzukommen.

Erschwerend kommt die Krise des Wohnungsbaus hinzu. Die Kombination aus gestiegenen Kreditzinsen, explodierten Materialkosten und einer Flut von über dreitausend bautechnischen DIN-Normen hat dazu geführt, dass ein Quadratmeter Neubau heute kaum noch unter zwanzig Euro Kaltmiete wirtschaftlich realisierbar ist. Private Projektentwickler ziehen sich reihenweise zurück oder melden Insolvenz an, während kommunale Wohnungsbaugesellschaften unter Eigenkapitalmangel leiden.

In den Universitäts- und Boomstädten greifen Vermieter vermehrt zu rechtlichen Grauzonen: Die Vermietung von möblierten Apartments oder Kurzzeitwohnen hebelt die gesetzliche Mietpreisbremse in vielen Fällen faktisch aus. Quadratmeterpreise von 25 bis 35 Euro kalt sind bei solchen Angeboten keine Ausnahme mehr, was Studierende und Auszubildende vor schier unlösbare Probleme stellt.

Auf dem Land und in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands zeigt sich das gegenteilige Bild: Leerstand, verfallende Gründerzeithäuser und sinkende Immobilienpreise. Doch nützt dieser günstige Wohnraum den Menschen in den Ballungsräumen wenig, solange Arbeitsplätze, Schulen, Universitäten und schnelle Bahnverbindungen in den ländlichen Räumen fehlen.

Ein weiterer Konfliktherd liegt in der energetischen Sanierung des Gebäudebestands. Zwar begrenzt das Mietrecht die Modernisierungsumlage auf maximal acht Prozent der aufgewendeten Kosten pro Jahr, doch summieren sich neue Dämmungen, Fenster und Wärmepumpen bei Bestandsmietern rasch auf monatliche Mehrkosten von mehreren Hundert Euro. Mieterschützer warnen vor einer grünen Gentrifizierung, wenn Klimaschutzmaßnahmen ohne entsprechende staatliche Sozialzuschüsse allein auf die Mieter abgewälzt werden.

Als Gegenbewegung formieren sich alternative Modelle bürgerschaftlichen Wohnens: Das Mietshäuser Syndikat, Mehrgenerationen-Genossenschaften und die Vergabe von Grundstücken im Erbbaurecht an gemeinwohlorientierte Träger beweisen, dass Wohnraum dauerhaft dem Spekulationsmarkt entzogen werden kann, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen.

Befürworter verweisen immer wieder auf das Wiener Modell des sozialen Wohnungsbaus: In der österreichischen Hauptstadt leben über sechzig Prozent der Einwohner in städtischen Gemeindebauten oder geförderten Genossenschaftswohnungen mit lebenslangem Mietrecht und gedeckelten Quadratmeterpreisen. Ein solcher breiter Mittelstandsansatz verhindert die Stigmatisierung von Sozialwohnungen und sichert eine lebendige soziale Durchmischung in allen Stadtteilen.

Experten fordern eine grundlegende Reform der Bodenpolitik: Die massive Förderung gemeinnützigen Wohnungsbaus, die Schließung der Schlupflöcher bei der Mietpreisbremse und ein bundesweites Vorkaufsrecht für Kommunen, um Grundstücke der Spekulation zu entziehen.

Die folgenden acht Stimmen aus Berlin, München, Dortmund, Leipzig, Freiburg, Hamburg, Schwerin und Chemnitz geben der Wohnungsnot ein Gesicht und zeigen, wie Bürgerinnen und Bürger um ihr elementares Recht auf ein bezahlbares Dach über dem Kopf kämpfen.

Bürgerstimmen & Protokolle

Aussagen aus ganz Deutschland

Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.

„Ich verdiene 2.300 Euro netto. Meine Zweizimmerwohnung in Sendling kostet 1.180 Euro warm. Wenn nach Miete, BVG-Ticket und Strom noch Geld für Essen übrig bleibt, bin ich froh. Ich liebe meine Stadt, aber als Erzieherin kann man sich München eigentlich nicht mehr leisten.“
Sabine Weiland(39 Jahre)•Erzieherin•München
Muss über die Hälfte ihres Gehalts für Miete aufbringen.
„Im Ruhrgebiet waren die Mieten lange fair. Doch seit Großinvestoren unsere Siedlung gekauft haben, flattert alle zwei Jahre eine Modernisierungserhöhung ins Haus: neue Fenster, neue Dämmung, 200 Euro mehr Miete. Wer nicht mitzieht, wird rausgeekelt.“
Mehmet Celik(46 Jahre)•Industriemechaniker•Dortmund
Kämpft gegen die Verdrängung in einer Zechensiedlung.
„Ich habe in zwei Jahren 70 Besichtigungen mitgemacht. Bei Indexmiete stieg die Miete innerhalb von 18 Monaten um 140 Euro. Man hat ständig Angst vor dem nächsten Brief im Kasten. Planbarkeit fürs Leben gibt es mit solchen Verträgen nicht.“
Tanja Hagemann(27 Jahre)•Grafikerin•Berlin
Erlebte drastische Mietsprünge durch Indexklausel.
„Bei uns liegt die Durchschnittsmiete bei 6,40 Euro pro Quadratmeter. Genossenschaften schütten keine Gewinne an Aktionäre aus, sondern reinvestieren jeden Cent in Instandhaltung. Das Genossenschaftswesen ist das einzige bewährte Modell gegen Mietenwahnsinn.“
Dr. Volker Brandt(61 Jahre)•Vorstand Wohnungsbaugenossenschaft•Leipzig
Verwaltet 4.000 bezahlbare Genossenschaftswohnungen.
„Für ein 14-Quadratmeter-Zimmer in einer Vierer-WG zahle ich 560 Euro. Meine Eltern unterstützen mich, aber viele Kommilitonen müssen zwanzig Stunden neben dem Studium jobben, nur um ihr Bett zu finanzieren. Bildungserfolg hängt heute an der Miete.“
Jonas Lindemann(22 Jahre)•Student der Informatik•Freiburg
Bekommt keinen Wohnheimplatz vom Studierendenwerk.
„Nach dem Tod meines Mannes wurde mir die Vierzimmerwohnung gekündigt wegen Eigenbedarfs. Eine kleine bezahlbare Wohnung im selben Viertel fand ich nicht. Ich musste nach 45 Jahren an den Stadtrand ziehen. Man verliert seine ganze Nachbarschaft.“
Brigitte Schirmer(73 Jahre)•Rentnerin•Hamburg
Wurde im Alter aus ihrem angestammten Kiez verdrängt.
„In Mecklenburg haben wir günstigen Wohnraum, aber die jungen Leute ziehen trotzdem weg, weil die gut bezahlten Jobs fehlen. Wir müssen Wohnen und Wirtschaftspolitik zusammen denken, sonst veröden die ländlichen Regionen komplett.“
Christian Wollny(52 Jahre)•Schreinermeister•Schwerin
Befürwortet gezielte Wirtschaftsförderung für den Osten.
„Ich habe Glück gehabt: Eine Genossenschaftswohnung für 480 Euro warm. Dadurch kann ich meinen zwei Kindern Sportvereine und Musikschule ermöglichen. Bezahlbares Wohnen entscheidet darüber, ob Kinder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.“
Fatma Taskin(33 Jahre)•Sachbearbeiterin & Alleinerziehende•Chemnitz
Erzieht zwei Kinder in bezahlbarer Genossenschaftswohnung.
Über die Autorin / den Autor
Contax G2 (Titan-Finish)

Stefan Neubert

Redakteur Kultur & Gesellschaft • Begleiterin im Feld: Contax G2 (Titan-Finish)

Geboren 1989 in Leipzig. Studium des Kulturjournalismus in Leipzig und Hamburg. Bereist seit zehn Jahren systematisch Klein- und Mittelstaedte in Ost- und Westdeutschland. Beobachtet Vereinsstrukturen, Jugendclubs, laendliche Identitaetsfragen, Nachbarschaften und die stillen Veraenderungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Visuelles Porträt: Champagner-farbene Messsucherkamera aus Titan mit Carl Zeiss Planar 45mm f/2 Objektiv. Schneller, rasiermesserscharfer Klassiker fuer spontane Strassengespraeche und fluechtige Alltagsmomente im natuerlichen Umgebungslicht.

Hinweis zur journalistischen Unabhängigkeit: Dieser redaktionelle Beitrag dient rein allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und stellt keine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung bzw. Empfehlung dar. Es besteht keinerlei Verbindung zu den porträtierten Personen oder Einrichtungen.
Weiterlesen

Weitere Rundfragen & Berichte