Mit welchem Alter wollen Sie wirklich in Rente gehen?
Zwischen gesetzlicher Regelaltersgrenze von 67 und dem Wunsch nach vorzeitigem Ausstieg: Sechs Menschen über Rentenabschläge, Arbeitslust und körperliche Grenzen.

Von Jans Holger
Herausgeber & Chefredakteur • Begleiterin im Feld: Leica M6 (Black Chrome, 1986)

Die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters auf 67 Jahre bis zum Jahr 2031 ist in Gesetz gegossen. Doch zwischen den demografischen Berechnungen der Wirtschaftsweisen und der gelebten Realität in deutschen Betrieben klafft eine wachsende Schlucht. Während Akademiker und Angestellte in klimatisierten Büros sich durchaus vorstellen können, auch mit Ende sechzig noch stundenweise Projekte zu betreuen, winken Dachdecker, Pflegefachkräfte und Industriearbeiter oft schon mit Ende fünfzig ab.
Nach den aktuellen Daten der Deutschen Rentenversicherung Bund und des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) liegt das tatsächliche durchschnittliche Renteneintrittsalter in Deutschland derzeit bei rund 64,4 Jahren. Hunderttausende Beschäftigte nehmen erhebliche dauerhafte Abschläge von bis zu 14,4 Prozent auf ihre monatliche Rente in Kauf, um dem Arbeitsleben vorzeitig den Rücken zu kehren.
Jans Holger hat für rundGefragt sechs Menschen zwischen 35 und 66 Jahren nach ihren persönlichen Plänen für den Ruhestand befragt. Ihre Aussagen spiegeln die sozialen Bruchlinien einer Gesellschaft wider, in der Lebensarbeitszeit stark von der ausgeübten Branche und der körperlichen Verschleißquote abhängt.
Ein wiederkehrendes Thema ist die sogenannte Rente mit 63 für besonders langjährig Versicherte (mindestens 45 Beitragsjahre). Was politisch als Anerkennung harter Lebensleistung gedacht war, wird von Arbeitgeberverbänden zunehmend als Fachkräftefalle kritisiert. Für viele Beschäftigte, die mit sechzehn Jahren eine Lehre begannen, ist der abschlagsfreie Ausstieg nach 45 Arbeitsjahren jedoch eine Frage der Gerechtigkeit.
Gleichzeitig wächst unter jüngeren Arbeitnehmern die Skepsis gegenüber der gesetzlichen Rentenversicherung. Wer heute um die dreißig ist, rechnet fest damit, dass das gesetzliche Rentenalter bis zum eigenen Eintritt auf 68 oder 70 Jahre angehoben wird, während das Rentenniveau weiter absinkt. Viele junge Berufstätige investieren daher frühzeitig in ETF-Sparpläne oder Immobilien, um sich die Option auf einen selbstbestimmten vorzeitigen Ausstieg zu sichern.
Experten betonen, dass eine starre Altersgrenze den vielfältigen Lebensentwürfen des 21. Jahrhunderts kaum noch gerecht wird. Stattdessen fordern Ökonomen und Gewerkschaften flexiblere Übergänge: Altersteilzeitmodelle, gleitende Renten und finanzielle Anreize für diejenigen, die freiwillig länger im Erwerbsleben verbleiben möchten.
Ein besonderer Brennpunkt bleibt die geschlechtsspezifische Rentenlücke (Gender Pension Gap). Frauen erhalten in Deutschland im Schnitt rund dreißig Prozent weniger eigene Alterssicherung als Männer, weil sie wegen Kindererziehung oder Angehörigenpflege häufig jahrelang in Teilzeit oder Minijobs arbeiteten. Für sie ist der vorzeitige Ruhestand oft kein erstrebenswerter Luxus, sondern ein direkter Weg in die behördliche Grundsicherung.
Die folgenden sechs Stimmen aus Augsburg, Bochum, Dresden, Hamburg, Stuttgart und Leipzig zeigen, wie unterschiedlich die Bürgerinnen und Bürger auf die Zielgerade ihres Erwerbslebens blicken.
Aussagen aus ganz Deutschland
Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.
„Mit 67 auf dem Gerüst stehen? Wer das beschließt, hat noch nie im November einen Sack Zement geschleppt. Meine Knie und meine Bandscheiben sind kaputt. Ich gehe mit 63, egal wie hoch die Abschläge sind. Meine Gesundheit ist mir mehr wert als hundert Euro mehr Rente.“
„Ich liebe meine Bücher und den Kontakt zu den Lesern. Ich kann mir gut vorstellen, auch mit 68 noch zwei Tage in der Woche zu arbeiten. Warum sollte ich schlagartig aufhören, nur weil ein Stichtag im Kalender steht?“
„Ich bin seit einem halben Jahr in Regelaltersrente. Die ersten Wochen waren seltsam, man fühlt sich nutzlos. Jetzt berate ich ehrenamtlich Start-ups bei Patentanmeldungen. Man braucht eine Aufgabe, sonst rostet das Gehirn ein.“
„Ich habe ausgerechnet, was ich mit 67 an Rente bekomme: keine 900 Euro netto. Ich werde arbeiten müssen, bis ich umfalle, oder Grundsicherung beantragen. Die Debatte übers Rentenalter ist für uns Geringverdiener blanker Hohn.“
„Ich plane meinen Ausstieg mit exakt 60 Jahren. Ich lege seit zwanzig Jahren jeden Monat konsequent in globale Aktien-ETFs an. Ich will reisen und fotografieren, solange der Körper noch mitmacht, und mich nicht auf staatliche Verheißungen verlassen.“
„Meine Generation weiß, dass Rente mit 67 eine Illusion ist. Wir werden wahrscheinlich bis 70 arbeiten. Wichtig ist mir deshalb nicht das Enddatum, sondern dass die Arbeit bis dahin Freude macht und nicht krank macht.“

Jans Holger
Geboren 1968 in Frankfurt am Main, aufgewachsen im Taunus. Studium der Philosophie und Soziologie in Marburg und Frankfurt (Adorno-Schule). Ueber fuenfundzwanzig Jahre journalistische Praxis als freier Feuilletonist und Gesellschaftsreporter fuer fuehrende deutsche Regional- und Kulturzeitungen. Gruendete 2026 rundGefragt, um dem medialen Erregungsbetrieb ein ruhiges, unbestechliches Zuhoeren entgegenzusetzen.
Visuelles Porträt: Analoge Messsucherkamera mit 35mm Summicron-M f/2 Objektiv und getragenem Ledergurt. Die Kamera gehoerte seinem Vater und begleitet Jans seit vier Jahrzehnten bei Reportagen auf Bahnhoefen, Marktplaetzen und an Kuechentischen.
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