Wie bringen Sie Vollzeitjob und Angehörigenpflege unter einen Hut?
Zwischen Gleitzeitantrag, Nachtwachen und ständiger Erreichbarkeit: Sieben Beschäftigte schildern ihren täglichen Spagat zwischen Schreibtisch und Pflegebett.

Von Claudia Weimann
Leitende Redakteurin Pflege & Soziales • Begleiterin im Feld: Rolleiflex 2.8F (1965)

Das Telefon vibriert mitten in der wöchentlichen Abteilungsbesprechung. Auf dem Display erscheint der Name des ambulanten Pflegedienstes. Ein vertrautes, beklemmendes Gefühl steigt auf: Ist die Mutter gestürzt? Hat sie die Medikamenteneinnahme verweigert? Wer Angehörige daheim betreut und zugleich im Berufsleben steht, kennt diesen mentalen Dauerstress. Die Gedanken sind selten vollkommen bei der Arbeit, und am Feierabend beginnt der eigentliche Dienst.
Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) stehen in Deutschland mehr als zwei Millionen Erwerbstätige in der doppelten Verantwortung von Beruf und Pflege. Die Mehrheit von ihnen arbeitet in Vollzeit oder vollzeitnaher Teilzeit. Anders als bei der Kindererziehung, die gesellschaftlich sichtbar ist und feste Betreuungsinfrastrukturen von der Kita bis zum Ganztag besitzt, ist die Pflege von Erwachsenen nach wie vor ein stilles, oft unsichtbares Schattenthema am Arbeitsplatz.
Das unabhängige Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) bündelt praxisorientierte Leitfäden zur Angehörigen-Entlastung, die konkrete Hilfen zur mentalen Entlastung und zur Vorbeugung von Pflege-Burnout aufzeigen. Nach Erhebungen des Instituts nutzt jedoch nur ein Bruchteil der pflegenden Erwerbstätigen das gesetzliche Pflegezeit- oder Familienpflegezeitgesetz.
Die Gründe für diese Zurückhaltung liegen auf der Hand. Die gesetzlich verankerte Freistellung nach dem Pflegezeitgesetz (bis zu sechs Monate vollständige oder teilweise Freistellung) sowie dem Familienpflegezeitgesetz (bis zu 24 Monate Reduzierung auf minimal 15 Wochenstunden) sieht keinen echten Lohnersatz vor. Zwar gewährt das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) ein zinsloses Darlehen, doch schrecken viele Beschäftigte davor zurück, Schulden aufzunehmen, während zugleich die Lebenshaltungskosten steigen.
Claudia Weimann hat für rundGefragt sieben Berufstätige aus Logistik, IT, Verwaltung, Handwerk und Bildung befragt. Ihre Erfahrungen zeigen, dass das Gelingen der Doppelbelastung weniger von Gesetzestexten abhängt als von der praktischen Kulanz und Flexibilität der direkten Vorgesetzten.
In Unternehmen mit verlässlichen Gleitzeitkonten, großzügigen Homeoffice-Regelungen und einer offenen Betriebskultur gelingt der Balanceakt deutlich besser. Wenn ein Beschäftigter kurzfristig den Schreibtisch verlassen darf, um einen Notarzteinsatz zu begleiten, und die verpassten Stunden am Abend oder Wochenende nachholen kann, nimmt das enormen Druck aus dem Alltag.
Einige fortschrittliche mittelständische Betriebe und Konzerne bilden mittlerweile sogenannte betriebliche Pflege-Guides aus. Diese speziell geschulten Kolleginnen und Kollegen dienen als erste interne Anlaufstelle, wenn ein Angehöriger plötzlich zum Pflegefall wird, und vermitteln unbürokratisch zwischen Personalabteilung, Vorgesetzten und externen Pflegestützpunkten.
Ganz anders gestaltet sich die Realität in Schichtbetrieben, im Einzelhandel oder auf Baustellen. Wo physische Anwesenheit zu festen Takten zwingend erforderlich ist, führt die Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen oft direkt in die unfreiwillige Stundenreduzierung oder gar zur Kündigung. Viele Pflegende, vor allem Frauen ab fünfzig, geraten so in die klassische Teilzeitfalle mit dauerhaft verringerten Rentenansprüchen.
Hinzu kommt die chronische Überlastung der Betroffenen selbst. Wer nach acht Stunden Arbeit den Feierabend mit Waschen, Kochen, Windelwechseln und Umlagern verbringt, hat praktisch keine Regenerationszeiten mehr. Wochenenden dienen nicht der Erholung, sondern der Erledigung aufgestauter Hausarbeit und bürokratischer Anträge.
Expertinnen und Verbände fordern deshalb seit Langem eine echte Lohnersatzleistung für Pflegende, analog zum Elterngeld. Eine solche Pflegezeit-Entschädigung würde es Beschäftigten ermöglichen, in akuten Krisenphasen temporär kürzerzutreten, ohne die wirtschaftliche Existenz der Familie zu gefährden.
Die folgenden sieben Berichte aus Dortmund, Hamburg, Frankfurt am Main, Stuttgart, Erfurt, Köln und Hannover geben einen ungeschminkten Einblick in das Jonglieren mit Kräften, Zeit und Verantwortung.
Aussagen aus ganz Deutschland
Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.
„Mein Arbeitgeber hat eine Betriebsvereinbarung zur Pflegezeit. Ohne die flexible Vertrauensarbeitszeit hätte ich meinen Job aufgeben müssen, als mein Vater pflegebedürftig wurde. Ich mache morgens zwei Stunden Mails, fahre dann zu ihm und arbeite abends weiter.“
„In der Werkstatt kann ich nicht ins Homeoffice gehen. Wenn morgens der Anruf kommt, dass der Pflegedienst ausfällt, brennt die Hütte. Meine Kollegen fangen vieles auf, aber man hat permanent ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Team.“
„Ich habe meine Stelle auf 60 Prozent reduziert, um meine Schwiegermutter mit Demenz zu betreuen. Finanziell tut das weh, und für die Altersvorsorge ist es eine Katastrophe. Ein staatliches Pflegegeld mit echtem Gehaltsausgleich wie beim Elterngeld ist längst überfällig.“
„Als Beamter konnte ich ein Sabbatjahr und danach Teilzeit beantragen. Das war eine Rettung. Doch die Pflege meiner schwerstpflegebedürftigen Frau fordert mich körperlich so sehr, dass ich im Klassenzimmer oft wie ferngesteuert stand.“
„Ich sitze beruflich an Anträgen für Pflegehilfsmittel und kenne jede Vorschrift. Doch als meine eigene Mutter Pflegegrad 3 bekam, habe ich selbst geweint vor Erschöpfung. Theorie und Praxis sind zwei völlig verschiedene Welten.“
„Dank 100 Prozent Remote-Work kann ich neben dem Bett meines Vaters programmieren. Wenn er mich ruft, bin ich in drei Schritten da. Doch die Grenze zwischen Arbeit und Privatem löst sich komplett auf. Man hat 24 Stunden am Tag Dienst.“
„Schichtbeginn um 4:30 Uhr, dann um 13 Uhr nach Hause, Mutter füttern, einkaufen, Arztbesuche. Um 21 Uhr falle ich ins Bett, und nachts muss ich zweimal aufstehen, um sie umzudrehen. Man funktioniert wie ein Roboter, bis der eigene Körper streikt.“

Claudia Weimann
Geboren 1974 in Darmstadt. Nach dem Abitur zwoelf Jahre als examinierte Krankenschwester in der Akut- und Hauskrankenpflege taetig. Anschliessend Studium der Sozialwissenschaften und Qualifikation zur unabhaengigen Pflegeberaterin im Rhein-Main-Gebiet. Schreibt seit ueber zehn Jahren ueber das Pflegesystem (SGB XI), pflegende Angehoerige und ambulante Versorgungsrealitaeten.
Visuelles Porträt: Zweiaeugige Mittelformatkamera (TLR) mit Carl Zeiss Planar Objektiven. Claudia schaetzt den Lichtschachtsucher: Man haelt die Kamera nicht vor das Gesicht, sondern senkt den Kopf, was bei Gespraechen in Seniorenwohnungen eine ruhige, respektvolle Intimitaet schafft.
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