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ArbeitsweltStimmen aus der Praxis28. Oktober 2026•9 Min. Lesezeit

Haben Sie den Mut gehabt, mit über 40 noch einmal neu anzufangen?

Vom Bankkaufmann zum Tischler, von der Marketingleiterin zur Erzieherin: Sechs Menschen über Einkommenseinbußen, Lehrlingsgehälter und den Mut zum Neuanfang.

Nikon FM2 (1982)

Von Katharina Lindemann

Redakteurin Arbeit & Wirtschaft • Begleiterin im Feld: Nikon FM2 (1982)

Haben Sie den Mut gehabt, mit über 40 noch einmal neu anzufangen?
Eine Holzwerkstatt in Potsdam: Nach zwanzig Jahren am Bankenschreibtisch fand ein 44-jähriger Quereinsteiger hier seine berufliche Erfüllung.Foto: Katharina Lindemann / rundGefragt
Recherche-Datenpunkte im Überblick
Steigend (+18 % seit 2020)Berufswechsler über 40
Erziehung, Schule, HandwerkBeliebteste Ziele
Ø -35 % bis -50 %Gehaltseinbuße Start
82 % bereuen Schritt nichtZufriedenheit nach 3 Jahren

Mit 43 Jahren saß Marco Seidel wieder in einem Klassenzimmer der Berufsschule, eingezwängt in eine Holzbank neben sechzehnjährigen Schulabgängern, die in den Pausen über TikTok lachten. Zwanzig Jahre lang hatte der gelernte Bankbetriebswirt in Frankfurt Kredite vergeben, Bilanzen geprüft und Krawatten getragen. Dann kündigte er seinen unbefristeten Vertrag, um eine Lehre als Schreiner zu beginnen. Ein Schritt, den viele Freunde für eine verfrühte Midlife-Crisis hielten.

Doch Seidels Werdegang spiegelt einen tiefgreifenden Wandel auf dem deutschen Arbeitsmarkt wider. Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wagen immer mehr Beschäftigte jenseits der Vierzig einen radikalen Schnitt. Getrieben vom Wunsch nach sinnstiftender Tätigkeit, handfesten Ergebnissen oder der Flucht vor chronischem Burnout im Dienstleistungssektor wechseln erfahrene Fachkräfte in Mangelberufe wie Handwerk, Pflege, Erziehung oder Lehramt.

Katharina Lindemann hat für rundGefragt sechs Menschen befragt, die den Sprung ins kalte Wasser gewagt haben. Ihre Berichte räumen mit romantischen Vorstellungen auf: Ein Quereinstieg bedeutet in den ersten Jahren fast immer spürbare Gehaltseinbußen, das Aufbrauchen privater Ersparnisse und die psychologische Hürde, als gestandener Erwachsener wieder Azubi oder Praktikant zu sein.

Besonders bürokratisch gestaltet sich der Wechsel in staatlich reglementierte Bereiche wie das Schulsystem oder Kitas. Zwar werben die Bundesländer bundesweit um Seiteneinsteiger für Schulen, verlangen jedoch oft langwierige Nachqualifizierungen, die neben einer vollen Unterrichtsverpflichtung gestemmt werden müssen. Viele Quereinsteiger fühlen sich von den Anforderungen des Schulalltags und dem Mangel an methodisch-didaktischer Einarbeitung überrollt.

Im Handwerk wiederum schätzen viele Meisterbetriebe die Reife und Verlässlichkeit älterer Auszubildender. Wer bereits zwanzig Jahre Berufsleben hinter sich hat, weiß, wie man mit Kunden spricht, pünktlich auf der Baustelle steht und Verantwortung übernimmt. Finanzielle Förderprogramme wie das Qualifizierungschancengesetz der Bundesagentur für Arbeit helfen Betrieben zunehmend, Lohneinbußen älterer Auszubildender durch Zuschüsse abzufedern.

Der entscheidende Lohn des Neuanfangs liegt für die meisten Befragten nicht auf dem Gehaltszettel, sondern im Feierabendgefühl: Nach getaner Arbeit ein fertiges Möbelstück, das Lächeln eines betreuten Kindes oder die Dankbarkeit kranker Menschen zu erleben, stiftet jene Sinnhaftigkeit, die in anonymen Konzernstrukturen oft verloren ging.

Wirtschaftspsychologen heben hervor, dass ein bewusster Berufswechsel in der Lebensmitte die geistige Vitalität fördert. Das Erlernen gänzlich neuer motorischer und kognitiver Fähigkeiten schützt vor geistiger Routine und baut neue neuronale Verknüpfungen auf, die bis weit ins Alter tragfähig bleiben.

Die folgenden sechs Stimmen aus Potsdam, Frankfurt, Nürnberg, Hamburg, Leipzig und Münster schildern den Mut zum Neuanfang zwischen finanzieller Zitterpartie und persönlicher Befreiung.

Bürgerstimmen & Protokolle

Aussagen aus ganz Deutschland

Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.

„Mein Gehalt hat sich mehr als halbiert. Wir mussten unser zweites Auto verkaufen und Urlaube streichen. Aber wenn ich heute abends aus der Werkstatt komme und meine Hände nach Zirbenholz riechen, bin ich glücklicher als nach jedem Jahresbonus in der Bank.“
Marco Seidel(44 Jahre)•Schreinergeselle (früher Bankbetriebswirt)•Potsdam
Machte mit 42 Jahren eine zweite handwerkliche Lehre.
„Ich war zwanzig Jahre Marketingleiterin. Der Einstieg ins Klassenzimmer war ein Schock: 26 Kinder, ständiger Lärm, null Vorbereitungsmaterialien vom Schulamt. Das erste Jahr war die härteste Prüfung meines Lebens, aber die Kinder geben einem alles zurück.“
Kirsten Behrens(48 Jahre)•Grundschullehrerin im Quereinstieg•Hamburg
Wechselte aus der freien Wirtschaft an eine Brennpunktschule.
„Als die Reisebranche in der Pandemie einbrach, habe ich mich in der Altenpflege beworben. Viele schüttelten den Kopf wegen der Schichten. Für mich war es die beste Entscheidung meines Lebens: Hier werde ich gebraucht, jeden einzelnen Tag.“
Elena Varga(41 Jahre)•Pflegefachfrau (früher Reiseverkehrskauffrau)•Nürnberg
Absolvierte eine dreijährige generalistische Pflegeausbildung.
„Ich saß 25 Jahre in der IT-Projektleitung vor vier Bildschirmen. Irgendwann machten die Augen und der Rücken schlapp. Heute stehe ich bei jedem Wetter draußen und pflanze Bäume. Körperlich bin ich fitter als mit dreißig.“
Dirk Wollny(52 Jahre)•Gärtnermeister im Garten- und Landschaftsbau•Leipzig
Stieg mit 46 Jahren in den Gartenbau um.
„Von der Personalabteilung in den Waldmatsch: Meine Familie dachte, ich spinne. Die Ausbildung war hart, weil ich nebenbei noch zwei Teenager erziehen musste. Aber die Ruhe im Wald hat mich vor dem Burnout gerettet.“
Sandra Teuber(46 Jahre)•Erzieherin in einer Wald-Kita•Münster
Machte eine praxisintegrierte Ausbildung zur Erzieherin.
„Neun Monate Vollzeit-Umschulung mit 43 Jahren: Da raucht der Kopf bei Signalordnungen und Bremsproben. Jetzt sitze ich vorn im Regionalexpress und trage Verantwortung für hunderte Fahrgäste. Ein fantastisches Gefühl.“
Hakan Demirci(43 Jahre)•Lokführer (früher Logistikleiter)•Frankfurt am Main
Ließ sich bei der Bahn zum Triebfahrzeugführer umschulen.
Über die Autorin / den Autor
Nikon FM2 (1982)

Katharina „Kati“ Lindemann

Redakteurin Arbeit & Wirtschaft • Begleiterin im Feld: Nikon FM2 (1982)

Geboren 1983 in Dortmund, Tochter eines Drehers aus dem Ruhrbergbau. Studium der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften in Bochum. Schwerpunkte: Handwerk, industrieller Wandel, Tarifverhandlungen, Fachkraeftesituation und moderne Arbeitszeitmodelle. Kennt die Sprache der Werkshallen ebenso wie die Logik betrieblicher Kalkulationen.

Visuelles Porträt: Mattschwarze, rein mechanische 35mm SLR mit 50mm f/1.4 Nikkor-Objektiv und deutlichem Messingabrieb an den Kanten. Absolut unverwuestlich, voellig batterieunabhaengig und im harten Reportagealltag zwischen Giessereien und Baustellen erprobt.

Hinweis zur journalistischen Unabhängigkeit: Dieser redaktionelle Beitrag dient rein allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und stellt keine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung bzw. Empfehlung dar. Es besteht keinerlei Verbindung zu den porträtierten Personen oder Einrichtungen.
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