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ArbeitsweltDie Rundfrage18. September 2026•11 Min. Lesezeit

Vier-Tage-Woche: Funktioniert das wirklich im Betrieb?

Mehr Erholung oder Verdichtung bis zum Burnout? Acht Beschäftigte und Unternehmer über freie Freitage, Produktivitätsdruck und Kundenreaktionen.

Nikon FM2 (1982)

Von Katharina Lindemann

Redakteurin Arbeit & Wirtschaft • Begleiterin im Feld: Nikon FM2 (1982)

Vier-Tage-Woche: Funktioniert das wirklich im Betrieb?
Eine Schlosserei im Münsterland am Freitagmorgen: Maschinen ruhen, während die Belegschaft bereits im verlängerten Wochenende ist.Foto: Katharina Lindemann / rundGefragt
Recherche-Datenpunkte im Überblick
45 UnternehmenPilot-Betriebe
-22 % im SchnittKrankheitstage
Konstant bis +4 %Produktivität
89 % wollen Modell behaltenMitarbeiterbindung

Am Freitagmorgen um neun Uhr herrscht in der Werkhalle der Schlosserei Brinkmann im Münsterland ungewohnte Stille. Wo sonst Trennschleifer kreischen und Schweißfunken sprühen, stehen die Arbeitsbühnen verwaist. Die elf Angestellten haben bereits Wochenende. Seit über einem Jahr praktiziert der Handwerksbetrieb die Vier-Tage-Woche, und Inhaber Torsten Brinkmann zieht eine Bilanz, die Skeptiker aufhorchen lässt: Trotz verkürzter Anwesenheit stieg der Jahresumsatz um vier Prozent.

Die Debatte um eine grundlegende Neuausrichtung der Arbeitszeit hat in Deutschland an Fahrt gewonnen. Angesichts eines akuten Fachkräftemangels in nahezu allen Branchen suchen Arbeitgeber nach neuen Modellen, um Bewerber anzulocken und bestehendes Personal vor Überlastung zu schützen. Die wissenschaftliche Begleitforschung der Universität Münster im Rahmen des bundesweiten Pilotprojekts belegt, dass Beschäftigte von messbar besserer Schlafqualität, höherer Zufriedenheit und einem Rückgang von Krankheitstagen berichten.

Katharina Lindemann hat für rundGefragt acht Menschen befragt, die das Modell im Alltag leben: Angestellte in Softwarehäusern, Pflegefachkräfte, Meister im Bauhandwerk und Angestellte im öffentlichen Dienst. Ihre Erfahrungsberichte offenbaren, dass die Umstellung keineswegs ein Selbstläufer ist, sondern Betrieben wie Mitarbeitern eine radikale Umorganisation ihrer Gewohnheiten abverlangt.

Das in Deutschland am häufigsten erprobte Modell folgt dem sogenannten 100-80-100-Prinzip: 100 Prozent der bisherigen Vergütung für 80 Prozent der Arbeitszeit, bei gleichbleibender 100-prozentiger Arbeitsleistung. Was in der Theorie elegant klingt, erfordert in der Praxis einen harten Schnitt bei zeitraubenden Routinen. Interne Meetings werden auf fünfzehn Minuten verkürzt, endlose E-Mail-Verteiler gestrichen und feste Konzentrationszeiten eingeführt, in denen Telefone stummgeschaltet bleiben.

Nicht jeder Betrieb entscheidet sich jedoch für die Reduzierung der Gesamtwochenstunden. Vor allem im produzierenden Gewerbe und im Handwerk greifen manche Unternehmer zur komprimierten Vier-Tage-Woche: 38 bis 40 Stunden werden auf vier Tage zu je neun bis zehn Stunden verteilt. Für die Beschäftigten bedeutet dies lange, kräftezehrende Arbeitstage von Montag bis Donnerstag, die im Gegenzug mit einem garantierten Drei-Tage-Wochenende belohnt werden.

Genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister. Während jüngere Angestellte und Pendler den zusätzlichen freien Tag schätzen, weil er weite Anfahrtswege spart und Raum für Erledigungen schafft, stöhnen Beschäftigte mit betreuungspflichtigen Kindern über die späten Feierabende. Wer erst um 18:30 Uhr von der Baustelle heimkehrt, sieht den Nachwuchs unter der Woche kaum noch wach.

Ein weiterer Reibungspunkt betrifft die Erreichbarkeit gegenüber Kunden und Geschäftspartnern. Betriebe müssen klären, wer am Freitag das Notfalltelefon besetzt oder ob der Betrieb komplett schließt. Während viele Stammkunden nach anfänglicher Verwunderung Verständnis zeigen, reagieren manche Auftraggeber verstimmt, wenn Termine erst in der Folgewoche wahrgenommen werden können.

Wirtschaftsverbände und das Handwerk warnen zudem vor pauschalen gesetzlichen Vorgaben. Was in einem Planungsbüro oder einer IT-Agentur durch digitale Prozessoptimierung machbar ist, lässt sich nicht eins zu eins auf ein Krankenhaus, eine Kita oder einen Bäckereibetrieb übertragen. Hier kann Zeitverlust nicht durch Software ausgeglichen werden, sondern erfordert zusätzliche Köpfe, die auf dem Arbeitsmarkt schlicht fehlen.

Trotz dieser berechtigten Einwände hat das Experiment eine Bewegung in Gang gesetzt, die sich kaum zurückdrehen lässt. Für viele Beschäftigte bedeutet der freie Tag einen enormen Gewinn an Lebensqualität: Zeit für Arztbesuche ohne Urlaubstage, Raum für ehrenamtliches Engagement oder schlicht Erholung ohne Zeitdruck.

Die folgenden acht Stimmen aus Münster, Dresden, Augsburg, Hamburg, Chemnitz, Hannover, Kassel und Berlin zeigen das gesamte Spektrum zwischen Begeisterung und handfesten operativen Hürden.

Bürgerstimmen & Protokolle

Aussagen aus ganz Deutschland

Protokollierte Vor-Ort-Interviews unserer Redaktion auf Bahnhöfen, Marktplätzen und an Küchentischen.

„Wir arbeiten Montag bis Donnerstag von 6:45 bis 16:30 Uhr. Die Mitarbeiter sind montags ausgeruht, Fehlerquoten bei Zuschnitten sanken um fast zwanzig Prozent. Unsere Kunden haben sich schnell daran gewöhnt, dass freitags nur der Anrufbeantworter für Notfälle läuft.“
Torsten Brinkmann(52 Jahre)•Schlossermeister & Inhaber•Münster
Führt einen Handwerksbetrieb mit elf Beschäftigten.
„Bei uns wurden die 32 Stunden bei vollem Gehalt eingeführt. Dafür sind fast alle Jour-Fixe-Termine rausgeflogen. Man arbeitet konzentrierter, hat aber am Donnerstagabend oft das Gefühl, durchgerannt zu sein. Der Freitag gehört komplett meiner Familie.“
Miriam Sasse(38 Jahre)•Senior IT-Consultant•Berlin
Arbeitet in einem Softwareunternehmen mit 60 Angestellten.
„Zehn Stunden an der Maschine schlauchen. Donnerstag nachmittags merkt man die Konzentrationsschwäche in den Beinen. Drei Tage frei sind herrlich, aber man bezahlt es mit vier Tagen, an denen man nach Schichtende zu nichts mehr zu gebrauchen ist.“
Frank Obermeier(46 Jahre)•CNC-Fräser•Chemnitz
Arbeitet im Maschinenbau mit komprimierter Arbeitszeit.
„In der Pflege ist die 4-Tage-Woche der einzige Weg, wie wir Leute überhaupt noch im Beruf halten. Wir haben den Dienstplan umgebaut: Wer vier Tage Dienst schiebt, hat verlässlich drei Tage Ruhe. Die spontanen Krankmeldungen haben sich seither halbiert.“
Nadine Kroll(31 Jahre)•Stationsleitung Geriatrie•Augsburg
Organisiert den Schichtdienst auf einer geriatrischen Akutstation.
„Wir haben den Test nach sechs Monaten abgebrochen. Im Vertrieb und der Logistik brauchen Kunden am Freitagnachmittag verbindliche Auskünfte. Eine geteilte Belegschaft führte zu internem Neid zwischen denen, die Freitag frei hatten, und denen am Montag.“
Hendrik Vogt(59 Jahre)•Geschäftsführer Großhandel•Hamburg
Kehrte nach internem Test zur 38,5-Stunden-Woche zurück.
„Ich nutze den Freitag für meine Weiterbildung und private Fotoprojekte. Vorher war mein Sonntag immer von der Angst vor dem Montag überschattet. Jetzt fühlt sich das Wochenende wie ein echter Urlaub an. Zu einer Fünf-Tage-Woche würde ich nie wieder zurückkehren.“
Cem Özdemir(29 Jahre)•Social-Media-Manager•Hannover
Arbeitet in einer Kommunikationsagentur.
„In unserer Kommunalverwaltung gibt es jetzt ein Gleitzeitmodell mit 4-Tage-Option. Behördengänge für Bürger müssen gewährleistet bleiben, daher wechseln wir uns ab. Für mich als pflegende Tochter ist der freie Werktag die Rettung für Arztbesuche meiner Mutter.“
Barbara Teichert(54 Jahre)•Verwaltungsfachangestellte•Kassel
Nutzt das Wahlarbeitszeitmodell im öffentlichen Dienst.
„Auf dem Dach ist das Wetter der Chef, nicht der Kalender. Wenn es drei Tage regnet, müssen wir samstags ran, egal ob 4-Tage-Woche vereinbart war oder nicht. Für uns auf dem Bau ist das Modell oft zu starr gedacht.“
Simon Geller(36 Jahre)•Dachdeckergeselle•Dresden
Sieht saisonale Witterungseinflüsse als Haupthindernis.
Über die Autorin / den Autor
Nikon FM2 (1982)

Katharina „Kati“ Lindemann

Redakteurin Arbeit & Wirtschaft • Begleiterin im Feld: Nikon FM2 (1982)

Geboren 1983 in Dortmund, Tochter eines Drehers aus dem Ruhrbergbau. Studium der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften in Bochum. Schwerpunkte: Handwerk, industrieller Wandel, Tarifverhandlungen, Fachkraeftesituation und moderne Arbeitszeitmodelle. Kennt die Sprache der Werkshallen ebenso wie die Logik betrieblicher Kalkulationen.

Visuelles Porträt: Mattschwarze, rein mechanische 35mm SLR mit 50mm f/1.4 Nikkor-Objektiv und deutlichem Messingabrieb an den Kanten. Absolut unverwuestlich, voellig batterieunabhaengig und im harten Reportagealltag zwischen Giessereien und Baustellen erprobt.

Hinweis zur journalistischen Unabhängigkeit: Dieser redaktionelle Beitrag dient rein allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und stellt keine medizinische, rechtliche oder finanzielle Beratung bzw. Empfehlung dar. Es besteht keinerlei Verbindung zu den porträtierten Personen oder Einrichtungen.
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